Harald Serafin von

König Würstel dankt ab

Intendant verlässt Mörbisch nach 20 Jahren. Über die finale "Fledermaus".

Harald Serafin - König Würstel dankt ab © Bild: APA/Hochmuth

Auf dem See kreuzen die Ausflugsschiffe des regionalen Touristikmonopolisten, ein surrealer Kontrast zum watteverschneiten Winterbühnenbild. Die Luft über Mörbisch hat sich auf 38 Grad erwärmt. Es wurden auch schon 49 Grad gemessen, wenn die Sonne auf die Seebühne herunterheizte, reihenweise sei da das Ballett in Ohnmacht gefallen, übt sich Harald Serafin im Intendantenlatein, während ihm Schweißbäche unter dem Zylinder hervorbrechen und den Stadtpelz durchnässen. Sein letzter Sommer im Amt nach 20 Jahren ist so nahe, dass er es selbst kaum wahrhaben kann.

Gut, dass die Proben zur "Fledermaus“ begonnen haben. Gut, dass Serafin selbst die maßgebliche Rolle des Gefängnisdirektors Frank singt und wenig Zeit für Sentimentalitäten findet. Gut, dass Helmuth Lohner inszeniert, der selber zweimal als Intendant vom Theater in der Josefstadt abging und eine Stütze im Abschied ist. Der schmale, intellektuelle Vereisungskünstler und der krachkomische Weltumschlinger mit der zarten Seele ergänzen einander in diesen Tagen rätselhaft ideal.

Was war Harald Serafin nicht alles in diesen beiden Jahrzehnten: ein tragischer Operettenheld in der Identitätskrise nach Erkrankung und Stimmverlust; ein gnadenlos medienkommunikativer Intendant; ein kultisch verehrter Freak als Juror des Fernsehvorkommnisses "Dancing Stars“.

"Weder Wehmut noch Trauer"
Jetzt ist er bald der ehemalige Intendant der Seefestspiele . Zum 80. Geburtstag, nach 20 Intendantenjahren, schien sich die Lebens-und Schaffenskurve so weit gerundet zu haben. "Ich empfinde weder Wehmut noch Trauer“, stimmt er das Lied vom braven Mann an, um einen Wimpernschlag später zu relativieren. "Vielleicht da oder dort, wenn ich den Berg herunterfahre und sehe, wie schön es hier ist … Aber ich erfreue mich der Tatsache, dass ich nicht traurig bin. Das ist auch ein Zeichen, dass ich verwirklichen konnte, was ich wollte.“ Der Gemeinderat hat ihm immerhin schon vor längerem die Option auf überlebenslangen Verbleib eingeräumt: Damals lud ihn der Bürgermeister ein, sich auf Gemeindegebiet ein Eigenheim zu errichten. "Ja, wenn man mir ein Grundstück dazu gibt“, antwortete der Intendant. Der Gemeinderat lehnte ab und war auch nicht zu 50 Prozent Preisnachlass zu bewegen. Dafür bot man ihm ein Ehrengrab auf dem kommunalen Friedhof an. "Ich habe mich sehr gefreut, zumal es ein XXL-Grab ist. Aber ich habe doch andere Pläne und möchte hier nicht unbedingt begraben sein.“

"Auch wir spüren die Krise“
Dabei müsste ein Mausoleum mit Heldendenkmal das Mindeste sein, was die Burgenländer ihrem scheidenden Intendanten angedeihen lassen könnten. 1992 übernahm er eine (zwischendurch bis zur Gerichtsanhängigkeit heruntergewirtschaftete) 3.500-Personen-Pawlatsche mit Holzbänken auf gestampftem Sand, ohne Technik, dafür mit Millionen Gelsen, die das spärliche Publikum blutig bissen. Er erweiterte erst auf 4.000 und dann auf 6.200 Plätze, erwarb erstklassige technische Anlagen und betonierte, dem Rat des Biologen Festetics folgend, dem Ungeziefer die Brutplätze zu. Die Investition des Landes zahlte er binnen vier Jahren aus dem bloßen Kartenverkauf zurück. "Ich bin die primitiven Wege zum Volk gegangen“, sagt er. "Händeschütteln, selber an Ständen stehen und Zettel verteilen, bis ich in der Nacht ins Bett gefallen bin.“

So wurde Mörbisch zur "größten Operettenbühne Europas“ (Serafin). Bis zu 200.000 Menschen kamen pro Sommer, und dass er diese Zahl heuer selbst mit dem Königswerk des Genres nicht wieder erreichen wird, schmerzt. Lohners "My Fair Lady“-Inszenierung vor drei Jahren schaffte die 200.000 noch knapp. "Aber dann ging es jedes Jahr ein bissel runter. Heuer werden wir wieder die 175.000 des Vorjahrs erreichen. Ich spüre die Krise. Mein Publikum sind eben nicht die Intellektuellen, sondern die Meiers mit Kind und Kegel, die sich heute überlegen, wofür sie Geld ausgeben.“

"Kenne kaum jemanden wie ihn"
"Er ist einer der letzten Grandseigneurs, einer der letzten Großen, die Operette wirklich können“, wehrt Daniela Fally, die Adele in der "Fledermaus“, alle Selbstzweifel ihres Intendanten ab. "Man hört, dass er sich in den Vordergrund drängt, aber das, finde ich, stimmt nicht. Er ist mit Leib und Seele dabei, liebt und verkörpert dieses Festival. Das ist seine Erfolgsgarantie.“ - "Ich kenne kaum jemanden wie ihn“, ergänzt Lohner, der zum fünften Mal in Mörbisch inszeniert und 28-mal in der Gluthitze den Frosch spielt. "Er hat es auf unglaubliche Weise, als personifizierte PR-Aktion, geschafft.“

An der Weltspitze
Daniela Fally und Helmuth Lohner sind die Atouts der auch anderweitig hoch besetzten "Fledermaus“. Der österreichische Koloraturstar kommt, knapp, von einer "Rosenkavalier“-Neuinszenierung in Straßburg zu den Proben. Die nächste Saison bringt sie Etappen weiter an die Weltspitze: die Zerbinetta aus Richard Strauss’ "Ariadne auf Naxos“ in einer Staatsopern-Neuinszenierung unter Welser-Möst, sechsmal "Rosenkavalier“ unter Christian Thielemann in Dresden, was der Nobilitierung gleichkommt, später "Fledermaus“ in Chicago … Die Adele, die sie mit ihren 33 Jahren in der schon siebenten Inszenierung verkörpert, scheint für sie geschrieben. Ein durchaus genetisches Phänomen, wie sie hinzufügt: Die Wiener Großmutter habe ihr aus eigenem Arbeitsleid die Existenz eines Dienstmädchens kommuniziert. "Hinter der Küche gab es das kleine Dienstbotenzimmer. Man war den ganzen Tag im Haus und in den Alltag eingebunden, aber klein gehalten. Man war vom Gutdünken der Arbeitgeber abhängig. Klar, dass man einander näherkommen konte wie Adele und ihr Chef Eisenstein. Vorausgesetzt, das Dienstmädchen war jung und knackig.“

Rastloser Lohner
Lohner wiederum, der kürzlich den 79. Geburtstag feierte, hätte sich konsequenterweise anderes verordnet als die sommerliche Stachanow-Partie. Im vorjährigen Herbst alleinreisend die Anden entlang bis Kap Hoorn und zur Osterinsel unterwegs, übernahm er an der "Josefstadt“ in unterbrochener Folge zwei Hauptrollen, die ihn bis zur Jahreswende 2013 mindestens dreimal die Woche beanspruchen werden. Den aktuellen Triumph mit Ibsens "Borkman“ einlösen zu müssen sei die größere Belastung, beklagt er leise seine Inkonsequenz: Er hatte sich von der Bühne schon glaubhaft verabschiedet, als er 2006 mit vernehmlichem "Gott sei Dank“ seine zweite "Josefstadt“-Intendanz beendete.

"Aber es war doch mein Leben lang nicht anders“, kommentiert er die permanente Belastung. "Nur, dass früher auch noch Filme und im Sommer Salzburg dazwischen waren. Und das Reisen ist für mich wichtig, jedes Jahr einmal. Ich möchte das Staubkorn, auf dem wir da leben, noch kennenlernen, bevor ich mich verabschiede. Ich möchte wissen, mit wem ich auf diesem Planeten lebe.“

Komödie des Betrugs
Seine "Fledermaus“ wird keine kommode Angelegenheit. Es ist Winter, wie eben zur Zeit der Maskenbälle. Während der Ouvertüre wird pantomimisch die Vorgeschichte erzählt: Eine Gruppe Betrunkener setzt inmitten des Straßenpöbels einen Bewusstlosen im Fledermauskostüm aus. Dieser, der Notar Falke, sinnt auf Vergeltung am Rädelsführer Eisenstein. Dessen auf gegenseitigen Betrug begründete Ehe begünstigt das Unterfangen: eine Komödie der Unehrlichkeit, in der keiner ist, was er zu sein vorgibt.

Die Wehmut schleicht sich wieder in das Gespräch ein: Erstmals schuf nicht der Weggefährte Rolf Langenfass das Bühnenbild (Rudolf Buchbinders hochbegabte Schwiegertochter Amra Bergmann übernahm). Bevor er an Krebs starb, überwarf er sich noch in heller Todespanik mit den Festspielen. Helmuth Lohner und Otto Schenk waren die Trauzeugen, als er im Angesicht des Endes seinen Lebensgefährten heiratete.

Nach der letzten Vorstellung am 25. August wird es über Mörbisch still werden. Die Nachfolgerin heißt Dagmar Schellenberger, Kammersängerin aus der ehemaligen DDR und beiden als Zweitbesetzung geläufig, Lohner aus der Zürcher "Lustigen Witwe“, Serafin aus der hauseigenen "Gräfin Mariza“. "Da hat sie dann die ersten Kontakte zum Land gehabt, die sie aufblühen ließ, mit dem Endeffekt, dass man sie gewählt hat“, sagt der Intendant, der in die Bestellung nicht eingebunden war.

Man hat gegenseitige Nichteinmischung vereinbart. Den nächstjährigen "Bettelstudenten“ wird er nicht besuchen. Ein Jahr mindestens will er Abstand gewinnen, den Andrang an Plänen und Hoffnungen in seinem Kopf ordnen, ausruhen, aber nicht lang. Und dann: weiterspielen, was sonst.

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