Franz Beckenbauer von

Jetzt erst recht!

Der "Kaiser" erklärt, warum er kein Geld auf die Bayern setzt und trotzdem an sie glaubt

Franz Beckenbauer - Jetzt erst recht! © Bild: Getty Images/Stollarz

Geliebt und gehasst: der deutsche Fußball-Rekordmeister FC Bayern München. Geliebt von 400.000 registrierten Fans für seine Mega-Erfolge. Gehasst nördlich des Weißwurst-Äquators für die Coolness, mit der er die weltbesten Kicker zusammenkauft. Populär ohne Wenn und Aber ist nur Ober-Bayer Franz Beckenbauer, weil er weniger cool als herzlich ist. Im NEWS-Interview gibt sich der 66-jährige „Kaiser“ optimistisch, dass im Champions-League-Finale gegen Chelsea am 19. Mai in der Münchner Allianz Arena Bayern siegen wird – trotz der 2:5-Schlappe bei der Generalprobe im Pokalfinale gegen Dortmund.

NEWS: Auf wen würden Sie am 19. Mai Ihr Geld setzen? Gewinnt Bayern in München zum zweiten Mal nach 2001 die Champions League?
Franz Beckenbauer: Ich bin beim Wetten ein notorischer Verlierer. Daher wette ich nicht, sondern sage: FC Bayern nützt den Heimvorteil und gewinnt das Elferschießen nach Verlängerung. Das wäre die Krönung.

NEWS: So optimistisch trotz Pokalpleite gegen Dortmund?
Beckenbauer: Aber nur dann, wenn sich diese bedenklichen Abwehrfehler nicht wiederholen. Die Niederlage war peinlich. Es muss und wird gegen Chelsea besser werden.

Passts auf! Ich bin keine Vorverkaufsstelle.

NEWS: Haben Freunde Sie um Karten bestürmt?
Beckenbauer: Und ob. Die melden sich alle Jahre, sagen, Mensch, wie geht’s dir, und bitten bei der Gelegenheit um eine Karte. Passts auf, antworte ich, ich bin keine Vorverkaufsstelle. Leute, die nie in der Tribünenkurve zu finden sind und zur Champions League wollen, weil es schick ist, kriegen von mir nix.

NEWS: Wie viele Tickets hätte FC Bayern verkaufen können?
Beckenbauer: Eine Million Anfragen kamen nach der Qualifikation fürs Finale rein. Wir haben 180.000 ordentliche Mitglieder und 250.000 Fanklubmitglieder. Also ein Potenzial von mehr als 400.000. Aber FC Bayern erhielt nur 17.500 Karten.

NEWS: Ein Endspiel ohne Spanier: War das voraussehbar?
Beckenbauer: Chelsea hätte ich nicht im Finale erwartet nach der Trainerentlassung, die bravourösen Bayern nach den Vorrundensiegen und dem Erfolg gegen Real Madrid schon. Real führt in Spanien immerhin überlegen vor der besten Mannschaft der Welt. Als Gegner sind die Engländer leichter durchschaubar als die Spanier, aber der neue Trainer Di Matteo scheint ein Glückspilz zu sein, siehe Semifinalerfolg über Barcelona.

NEWS: Was waren die wichtigsten Einkäufe, die das Endspiel entscheiden könnten?
Beckenbauer: Neuer, Ribéry, Robben – diese drei. Tormann Neuer hat die Abwehr stabilisiert, und Robben ist zwar sensibel, aber ich bin froh, dass er seinen Vertrag verlängert hat.

NEWS: Im NEWS-Interview vor vier Jahren forderten Sie einen Investitionsstopp, immerhin musste der FC Bayern jährlich 20 Millionen für Stadionrückzahlungen und Ähnliches zur Seite legen. Und jetzt?
Beckenbauer: Wir haben einen tüchtigen Vorstand, der neue Einnahmequellen erschließt und nie mehr ausgibt, als er einnimmt. Seit jeher wirtschaftet FC Bayern nach kaufmännischen Prinzipien. Bayern erwartet heuer zehn bis 20 Millionen Reingewinn, je nach Ergebnis des Champions-League-Finales. In England oder Spanien erlässt die Politik den hoch verschuldeten Klubs Millionen an Steuerschulden. Undenkbar bei uns!

NEWS: In welcher Position würde Franz Beckenbauer heute spielen? In der Viererkette? Im Mittelfeld?
Beckenbauer: Den klassischen Libero gibt es ja nicht mehr. Vielleicht in der Innenverteidigung, eher aber als Mittelfeldspieler vor der Abwehr.

NEWS: Viel hat sich geändert auch im Umgang mit der Öffentlichkeit. Spieler werden gegen die Medien abgeschirmt. Sie und ich, Fußballstar und Reporter, hätten einander heute nie so gut kennenlernen können wie seinerzeit, wir wären einander in der Mixed Zone auf Distanz gegenübergestanden. In den USA sind Journalisten nach Matchende in der Kabine willkommen.
Beckenbauer: Als ich vor 35 Jahren in New York bei Cosmos spielte, war ich erstaunt, als 20 Minuten nach Schlusspfiff plötzlich Reporter und Fotografen die Kabine stürmten. Aber bei uns Bayern gibt es schon Ansätze von US-Verhältnissen. Täglich eine Pressekonferenz.
Nur die Kabine ist und bleibt die letzte Oase.

NEWS: Auch die TV-Qualität ist unvergleichlich besser als früher. Muss man da überhaupt noch ins Stadion?
Beckenbauer: Fusball ist zum Fernsehsport geworden, trotzdem sind in Deutschland die Stadien voll. Mein Sender SAT.1 plant 13 Stunden vom Champions-League-Finale! Das 16:9-Format macht das Spiel schneller, als es wirklich ist. 20 Kameras, die jeden Grashalm extra beobachten.

Siegprämien sind für Top-Verdiener kein Anreiz mehr

NEWS: Erinnern Sie sich an die Prämie für den ersten Meistercupsieg der Bayern, 1974 gegen Atletico Madrid?
Beckenbauer: Rund 50.000 DMark. Eine Riesensumme. Das war damals sensationell. Heute ist die Siegpramie fur einen Fusballer, dem im Jahr zehn Millionen Euro garantiert sind, kein Anreiz mehr.

NEWS: Die Siegermannschaft am Samstag in München kann bis 70 Millionen Euro verdienen, Einnahmen, Vermarktung, TV-Rechte, neun Millionen UEFA-Prämie. Was erhalten die Spieler?
Beckenbauer: Das weiß ich nicht. Die UEFA als Veranstalter ist sehr großzügig. Davon profitieren auch die Fußballer. Aber die erwähnten Gesamtumsätze dürften stimmen, plus Folgevermarktung.

NEWS: Wird im Weltfußballnoch immer mit Wahnsinnsablösen herumgeschmissen?
Beckenbauer: 90 Millionen, wie seinerzeit für Ronaldo, die werden nicht mehr gezahlt. Die Krise hat zur Vernunft beigetragen. Selbst der wirklich steinreiche Chelsea-Eigentümer Abramovich ist nicht mehr so spendierfreudig wie früher.

NEWS: Was haben Sie gekostet, als Sie vom FC 1906 zu den Bayern wechselten?
Beckenbauer: Nichts. Ich war erst 13.

NEWS: Zurück in die Gegenwart. War David Alabas Karriere voraussehbar?
Beckenbauer: Nein. Aber er bringt charakterliche Tugenden mit, Schnelligkeit, Kampfkraft, Spielverständnis. Und vor allem Beharrlichkeit. Sein Glücksmoment kam, als Lahm auf die rechte Abwehrseite wechselte. Jetzt ist Alaba einer der besten linken Verteidiger Europas, wie auch Barcelonas Interesse zeigt. Gott sei Dank ist und bleibt er bei Bayern.

NEWS: Jetzt ist Alaba nach zwei Gelben Karten gesperrt, wie auch andere Schlüsselspieler Bayerns und Chelseas. Hätte man die Gelben im Interesse der Show streichen sollen?
Beckenbauer: Eine Ad-hoc-Entscheidung ware schwer gewesen. Ich hoffe aber, dass künftig wie bei der WM und der EM ab dem Viertelfinale die bis dahin verteilten Gelben Karten gestrichen werden.

NEWS: Ernst Happel ist seit zehn Jahren tot. Ist er für Sie auch heute noch der Größte?
Beckenbauer: Ernstl war der Kompletteste von allen. Er hat nur das Wichtigste gesprochen. Heute musst du als Trainer auch Entertainer sein. Happel hat sich immer auf das Wesentliche beschränkt. Heutzutage sind viele Trainer Aktionisten, die an der Outlinie Purzelbaume schlagen.

NEWS: Beckenbauer kann sagen, was er will, kann sich widersprechen, und trotzdem gilt sein Urteil als bindend.
Beckenbauer: Ich widerspreche mir nicht. Nur dieser Frage muss ich entschieden widersprechen. Die Leute glauben mir, weil ich als Spieler, Trainer und Funktionär Erfolg hatte. Sie können unterscheiden, ob einer sich äußert, der was kann, oder ob er nur so mitreden will.

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