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Die Wiener Online-Plattform „FragNebenan“ will Nachbarn untereinander vernetzen

  • FragNebenan-Gründer Stefan Theißbacher.
    Bild 1 von 5 © Bild: NEWS.AT/Puschautz

    FragNebenan-Gründer Stefan Theißbacher im Interview.

  • Bild 2 von 5 © Bild: Martin Pabis

    Das FragNebenan-Team.

Wer kennt das nicht: Ausgerechnet am Sonntag geht die Milch aus, man braucht dringend jemanden, der einem während des Urlaubs die Blumen gießt oder ist auf der Suche nach einem guten Arzt in der näheren Umgebung. Das sind nur drei Beispiele für Probleme, die in einer Großstadt oft nur mit erheblichem Aufwand zu bewältigen sind. Das junge Online-Netzwerk „FragNebenan.com“ will genau solche Dinge künftig erleichtern, indem es „aus Anrainern Nachbarn macht“, erzählt Gründer und Geschäftsführer Stefan Theißbacher im NEWS.AT-Gespräch.

Die Idee für die vergangene Woche in die Pilotphase gestartete Plattform entwickelte sich – wie auch sonst - aus eigenen Erfahrungen. Als er vor 13 Jahren seinen kleinen Heimatort in Kärnten verließ, um in Wien zu studieren, schätzte Theißbacher die Anonymität der Großstadt. Mit der Zeit wuchs in ihm aber das Gefühl, dass durch ebendiese Anonymität auch viel Potenzial brachliegt. „Ich habe es seltsam gefunden, mit so vielen Leuten unter einem Dach zu leben ohne einen Bezug zu ihnen zu haben“, erzählt er. Also begann er zu überlegen, wie man dieses Potenzial zum Leben erwecken könnte: die Geburtsstunde von „FragNebenan“.

Virtueller Gemeinschaftsraum

„Es soll wie ein Gemeinschaftsraum sein, in dem man sich rund um die Uhr austauschen kann“, führt der 32-Jährige seine Vision aus. „Wenn einmal die Kartoffeln ausgehen, muss man sich keine Sorgen machen, dass man jemanden durch Anklopfen in seiner Privatsphäre stört. Man kann die Frage einfach ins Haus posten. Wenn ein Nachbar aushelfen kann und will, wird er antworten.“

Fragnebenan-Gründer Stefan Theißbacher.
© NEWS.AT/Puschautz Stefan Theißbacher will gute Nachbarschaft fördern.

Die Funktionsweise der Plattform ist relativ simpel: Nach der Registrierung muss der Nutzer bestätigen, dass er wirklich an der angegebenen Adresse wohnt. Dazu erhält man eine Postkarte mit einem persönlichen Freischalt-Code, alternativ kann man auch durch bereits registrierte Nachbarn verifiziert werden oder einen Meldezettel übermitteln. Danach sieht man unmittelbar, wer im selben Haus registriert ist und wer in der unmittelbaren Nachbarschaft. Angezeigt werden nämlich auch die Nutzer im Umkreis von 500 Metern. „Das eigene Haus ist der Kern. Darum herum kann man sich mit Leuten in fünf Minuten Gehdistanz vernetzen“, erklärt Theißbacher. Denn auch dieser erweiterte Kreis könne hilfreich sein, wenn es etwa darum geht, einen guten Kinderarzt in der Umgebung zu finden.

Datenschutz im Vordergrund

Wobei die Macher großen Wert auf Datenschutz legen. Jeder Nutzer bestimmt selbst, wer welchen Teil seiner Adresse einsehen kann. So kann etwa festgelegt werden, dass alle Nutzer in der Umgebung die Straße, aber nicht die Hausnummer und nur die Nachbarn im eigenen Haus die Türnummer sehen können. Außerdem werden auch nicht übermäßig Daten gesammelt. „Wir fragen nur Daten ab, die für den Austausch in der Nachbarschaft unbedingt nötig sind“, betont Theißbacher. Die Auswertung der Daten ist auch dezidiert nicht das Geschäftsmodell.

© Screenshot FragNebenan.com FragNebenan setzt auf Privatsphäre.

Stattdessen soll sich die Plattform mittelfristig über Werbung finanzieren. So könnte etwa ein Installateur gezielt Werbung für Anwohner in seiner Umgebung schalten. Aber auch Hausverwaltungen sollen auf den Zug mitaufspringen und informell mit den Bewohnern kommunizieren können, indem sie etwa einen Tag vor der Stromablesung eine Erinnerung ausschicken. Das soll über eine Art „Schwarzes Brett“ im jeweiligen Hausprofil ablaufen, Zugang zu dem Bereich, in dem die Nachbarn sich unterhalten, sollen die Verwaltungen also keinen bekommen.

Das liebe Geld

Kurzfristig hofft das Team aber erst einmal auf Förderungen und Investoren, um die für die nächste Zeit nötigen Mittel aufzutreiben. Momentan arbeiten nämlich alle Beteiligten unentgeltlich für das Projekt und auch das Startkapital besteht ausschließlich aus Eigenmitteln der Teammitglieder, die freilich irgendwann erschöpft sind.

FragNebenan-Gründer Stefan Theißbacher.
© NEWS.AT/Puschautz Auch eine Smartphone-App ist geplant.

Nachdem er die Idee im vergangenen Sommer ausgearbeitet hatte, machte sich Theißbacher auf die Suche nach Mitstreitern, feilte mit ihnen weiter am Konzept und machte sich schließlich an die Umsetzung. Seit 30. Mai läuft nun also die – vorerst auf den siebten Wiener Gemeindebezirk beschränkte – Pilotphase. „Wir wollten so früh wie möglich in echte Nachbarschaften gehen und entwickeln den Prototypen mit dem dort gesammelten Feedback weiter“, erklärt der Kärntner. Läuft es wie geplant, sollen noch im Sommer weitere Bezirke und in weiterer Folge das gesamte Stadtgebiet folgen. Das Ziel ist es, bis Ende des Jahres zumindest 5.000 Menschen in 500 Häusern über die Plattform zu vernetzen. Langfristig soll „FragNebenan“ dann in allen größeren Städten im deutschen Sprachraum starten.

Erwartungen übertroffen

Der erste Schritt dorthin ist jedenfalls getan und die Pilotphase verläuft bislang äußerst zufriedenstellend. „Mit Beginn der Pilotphase haben sieben unserer Bekannten "FragNebenan" in ihren Häusern gestartet. Nach wenigen Tagen stehen wir bereits bei 14 Häusern“, freut sich Theißbacher über den vielversprechenden Start. Und das, obwohl man bislang auf jedes Marketing verzichtet hat. Erst einmal gehe es darum zu sehen, ob die Plattform „so angenommen wird, wie wir uns das vorgestellt haben“, erklärt der Gründer. Dazu sollen die ersten Nutzer in nächster Zeit einmal persönlich eingeladen werden, um auch auf diesem informellen Weg Feedback geben zu können. „Es ist ja noch sehr überschaubar, wir können unsere Nutzer also noch persönlich kennenlernen“, lächelt Theißbacher. Jedoch nicht mehr lange, wenn alles gut läuft. In diesem Sinne: Auf gute Nachbarschaft.

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