Es sollte ein großer Schritt in eine saubere Zukunft im korruptionsgebeutelten Fußball-Weltverband werden. Am Dienstag will das Exekutivkomitee der FIFA in Zürich das neue Ethik-Programm absegnen und der Korruption den Kampf ansagen. Doch durch jüngst veröffentlichte Justizakten gerät FIFA-Präsident Joseph Blatter zunehmend in die Defensive und muss sich gegen massive Rücktrittsforderungen wehren. Woraufhin der FIFA-Boss seine Aussagen wieder relativierte.
Das in den Akten der Staatsanwaltschaft Zug belegte Ausmaß der FIFA-Korruptionsaffäre um Ex-FIFA-Präsident Jose Havelange und dessen brasilianischen Landsmann Ricardo Teixeira hat weltweit Wellen geschlagen. Gerade deshalb misst das deutsche Exekutivmitglied Theo Zwanziger der Sitzung des FIFA-Führungsgremiums große Bedeutung bei. Denn die auf der Agenda stehende Verabschiedung des Ethik-Kodex' und die Einsetzung der Vorsitzenden der beiden Kammern der Ethikkommission sollen ein Signal für die Erneuerung im Weltverband setzen.
Blatter schießt sich selbst ins Knie
Doch aus Deutschland schlägt Blatter auch die schärftste Kritik entgegen. Ligapräsident Reinhard Rauball forderte ihn telefonisch zum Rücktritt auf, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach reagierte entsetzt auf die jüngsten Enthüllungen und bedauerte, dass die Sitzung in Zürich davon "total überschattet" werde.
Blatter revanchierte sich am Wochenende mit öffentlichen Andeutungen, wonach es bei der WM-Vergabe an Deutschland im Juli 2000 Unregelmäßigkeiten gegeben habe. Der DFB reagierte empört auf "völlig nebulöse und unhaltbare Andeutungen". Niersbach stellte am Montag fest: "Wir haben sauber gearbeitet."
Doch die Seitenhiebe auf Deutschland rücken auch Blatter selbst noch weiter ins Zwielicht. Sein Schweizer Landsmann, der ehemalige FIFA-Direktor Guido Tognoni, erhob am Montag schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Chef. "Sepp Blatter war immer dabei", so Tognoni. "Er hätte ja das Ganze stoppen können", sagte der Schweizer im ARD-Morgenmagazin. Tatsache sei, "dass in der FIFA unter der Präsidentschaft von Sepp Blatter Dinge geschehen sind, die eigentlich in einem Fußballbetrieb nicht geschehen sollten."
Soll sich Blatter selbst reformieren?
Dass der 76-jährige Blatter sich nun als großer Reformer gibt, nachdem er jahrelang nichts gegen den Filz unternommen hatte, wirkt nicht auf alle glaubwürdig. "Der Sepp heiligt die Mittel", spottete die "Süddeutsche Zeitung". Der Schweizer Strafrechtler Mark Pieth, zugleich Vorsitzender der neu gegründeten, unabhängigen Kommission für Governance bei der FIFA, sieht die FIFA bei der Korruptionsbekämpfung 30 Jahre im Rückstand.
Der frühere DFB-Präsident Zwanziger erhofft sich von der Sitzung des Exekutivkomitees frischen Wind bei der Aufarbeitung der Affären. "Ich bin zuversichtlich, dass die von Professor Pieth für den Vorsitz der beiden Kammern vorgeschlagenen Personen bestätigt werden, sofort ihre Arbeit aufnehmen und sich auch dieser Sache - komplett unbeeinflusst von der FIFA - noch einmal annehmen", sagte Zwanziger.
Aussagen relativiert
Später hat Blatter in einem offenen Brief an "Fußball-Deutschland" seine Aussagen zu Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der WM 2006 relativiert. Der Schweizer erklärte in der "Bild"-Zeitung, dass "man immer einen Vorwand finden kann, um irgendwelche Verschwörungstheorien zu spinnen. Sogar in Zusammenhang mit Deutschland, das eine perfekte WM lieferte. Ein Sommermärchen sondergleichen, worauf das Land stolz sein kann."
Er glaube nicht an Verschwörungstheorien, sondern nur an Fakten, stellte Blatter fest. "Solange keine konkreten Beweise vorliegen, dass bei irgendeiner WM-Vergabe etwas schief gelaufen ist, muss und soll man an der Rechtmäßigkeit der Wahl festhalten. Dies gilt für Deutschland ebenso wie für alle anderen Länder. Das ist die Kernaussage meiner Botschaft."
