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Boom am Häusermarkt rettet Chinas Wachstumszahlen

Um rund 50 Prozent haben sich Wohnungen in Deutschlands größten Städten seit 2010 verteuert. Fang Yongbin lacht, als er diese Zahl hört. "Und das halten die Leute bei euch in Deutschland schon für Wahnsinn?", fragt er ungläubig. Der 38-Jährige kommt aus Hefei, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Anhui, und arbeitet seit zehn Jahren in einer Werbeagentur in Peking.

Seit er in Chinas Hauptstadt ankam, versucht er gemeinsam mit seiner Freundin genug Geld für eine kleine Wohnung am Stadtrand zu sparen. Doch die Preise galoppieren davon und lassen dem Paar keine Chance, auch nur ansatzweise genügend Eigenkapital zu sammeln. Seit 2010 sind die Wohnungspreise in der 20-Millionen-Metropole um 180 Prozent geklettert. Ein Eigenheim kostet nun im Durchschnitt 55.000 Yuan pro Quadratmeter, rund 7.400 Euro. Und das bei einem durchschnittlichen Monatsverdienst von umgerechnet 900 Euro. "Das nenne ich Wahnsinn", sagt Fang Yongbin.

Doch auch wenn die Preise schon viele Chinesen wie den Werbefachmann und seine Freundin abgehängt haben, genügend Kaufwillige gibt es noch immer: Allein in Peking sind die Preise heuer erneut um 25 Prozent gestiegen. Noch steiler bergauf ging es in Shanghai (44 Prozent) und in der südchinesischen Metropole Shenzhen (55 Prozent). Stagnationen oder sogar Preisrückgänge verzeichnen dagegen kleinere Städte, wo oft komplett am Bedarf vorbei gebaut wurde und ganze Geisterstädte entstanden sind.

Die Regierung sieht den Beton-Boom mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist der gut laufende Immobiliensektor willkommen, weil er dabei hilft, das ins Stocken geratene Wachstum des Landes zu stabilisieren. Rund die Hälfte der in China getätigten Investitionen floss laut Einschätzungen von Analysten in diesem Jahr in den Immobiliensektor. Das meiste davon auf Pump. Wäre die Kauf- und Spekulationslust am Häusermarkt nicht so groß, auch die am Mittwoch vorgelegten Wachstumszahlen für das dritte Quartal wären weniger freundlich ausgefallen. Mit einem Zuwachs von 6,7 Prozent lagen sie genau im Rahmen der Regierungserwartungen.

Gleichzeitig ist der Immobilienboom auch ein Zeichen für die weiterhin große Unsicherheit: "Die Menschen kaufen Häuser, weil sie eine weitere Abwertung der Währung fürchten", sagt der Pekinger Ökonom Chen Donglin.

Für Peking ein Dilemma. Wenn die Preise außer Kontrolle geraten und die Blase platzen sollte, ist neben dem wirtschaftlichen auch der politische Schaden kaum zu ermessen. Nichts fürchten die stets um Stabilität bemühten Kader mehr als Unruhen, die auch durch unzufriedene Hausbesitzer ausgelöst werden könnten. Fallen die Preise, sind jene Bürger sauer, die schon Immobilien besitzen. Steigen die Preise ins Unermessliche, frustriert das jene, für die Wohneigentum ein unerreichbarer Traum bleibt.

Mehrfach schon hat Peking deshalb in den vergangenen Jahren versucht, am Häusermarkt zu intervenieren und kontrolliert Luft aus der Blase zu lassen. Jetzt greift sogar Präsident Xi Jinping persönlich ein. Laut einem Bericht der "South China Morning Post" ermahnten er und sein Regierungschef Li Keqiang große Städte, entschlossener gegen die astronomischen Häuserpreise vorzugehen.

Die Mahnung zeigte schnell Wirkung: In Peking zum Beispiel müssen Erstkäufer von Häusern seit Anfang Oktober 35 statt 30 Prozent Eigenkapital mitbringen. Für eine Zweitwohnung müssen 50 Prozent des Kaufpreises angezahlt werden. Shenzhen kündigte unterdessen an, so schnell wie möglich 137 Hektar neues Bauland zur Verfügung zu stellen. Andere Städte beschränken die Zahl der Wohnungen, die pro Person gekauft werden können.

Ob das Fang Yongbin und seiner Freundin noch hilft? Er will nun so schnell es geht zurück in die Heimat nach Hefei und dort eine Wohnung kaufen. "Wir machen uns Sorgen, dass wir auch dort zu spät dran sind", sagt er.

Möglich wäre es: Die Wohnungspreise in der relativ armen Provinzhauptstadt haben sich in nur fünf Jahren verdoppelt.

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