Er war Scientology-Chef von Österreich, heute ist Wilfried Handl einer der schärfsten Kritiker der Organisation. Vor kurzem hat er auf seinem Blog geleakte Scientology-Mails veröffentlicht und wurde dafür von Scientology verklagt. Im NEWS.AT-Interview spricht Handl offen über seine eigene Rolle im Scientology-Geheimdienst, über Straflager und Bootcamps und er verrät, welche Pläne Scientology in Österreich noch verfolgt.
NEWS.AT:
Sie sind durch ihre Freundin auf Scientology gestoßen. Was hat Sie damals hineingezogen?
Wilfried Handl:
In erster Linie die Neugierde; Ich war damals 20 und bin einfach irgendwie angestanden. Ich wusste wogegen ich war, aber ich wusste nicht wofür. Ich habe nur gewusst, dass ich keine Eigentumswohnung und das ganze bürgerliche Leben will. Und dann habe ich mir auf Empfehlung meiner Freundin Scientology angeschaut.
Scientology ist genauso wenig eine Religion wie die Mafia.
NEWS.AT:
Welche Rolle hat die Religion gespielt?
Handl:
Scientology hat damals niemand als Religion wahrgenommen. Bis Ende der 90er Jahre ist das auch von Scientology nicht so propagiert worden. Intern war klar, dass der Name aus steuertechnischen Gründen "Scientology Kirche Österreich" lautet. Es hat auch Anweisungen gegeben, dass immer ein Kreuz und das Glaubensbekenntnis aufgehängt werden. Und zumindest ein Mitarbeiter musste mit einem Priesterkragen herumlaufen. Scientology ist genauso wenig eine Religion wie die Mafia.
NEWS.AT:
Aktuell gelten ja zahlreiche Mitglieder weltweit als vermisst unter anderem die Frau von Sektenführer David Miscavige, Shelly. Verschwinden all diese Personen mit Hilfe des Geheimdienstes "Office of Special Affairs" (OSA) in den berüchtigten Straflagern?
Handl:
Nein, nicht zwangsläufig. Der Präsident von Scientology, Heber Jentzsch, wurde zum Beispiel seit 2004 nicht mehr gesehen. Er sitzt mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer geheimen scientologischen Einrichtung, das muss kein RPF
("Rehabilitation Project Force", Scientology-Straflager, Anm. der Red.)
sein. Sie können ihn nicht gehen lassen, weil er zu viel weiß. Also wird ihn Scientology sicher verwahren. Er ist bereits 77, das Thema löst sich daher irgendwann von selbst. Umbringen wird ihn keiner, aber Scientology sorgt sicher dafür, dass er das Areal nicht verlässt. Im Fall von Michelle Miscavige verhält es sich ähnlich.
NEWS.AT:
Aber diese Straflager gibt es?
Handl:
Ja, aber es muss nicht immer ein Straflager sein. Im Straflager werden die Leute gezielt gebrochen. Ich glaube nicht, dass Shelly Miscavige und Herber Jentzsch dort sind. Als Außenstehender kann man sich das vielleicht nur schwer vorstellen. Man fragt sich, warum sie dann nicht einfach weggehen. Aber "Sea Org"-Mitglieder
(Sea Organisation ist die paramilitärische Kaderschmiede von Scientology, Anm. der Red.)
werden gründlich indoktriniert. Zu Beginn ihrer Karriere unterschreiben sie schon einen Vertrag über eine Milliarde Jahre. Im Gegensatz zur "Seo Org" sind die amerikanischen GIs ein liberaler Debattierclub. Ich kenne genug "Sea Org"-Mitglieder und weiß, wie sie ticken. Diese Leute sind extrem gehorsam. Daher ist es durchaus möglich, dass der Frau von Miscavige und dem Präsidenten gar nichts auffällt. Sie sehen das einfach als gegeben und notwendig an. Die Tür ist dort sicher offen, sie könnten gehen.
NEWS.AT:
Ist Gewalt auch ein Mittel von Scientology?
Handl:
Ja klar. Die Wahrscheinlichkeit ist in den USA höher, allein schon aufgrund der Tatsache, dass man dort öffentlich eine Waffe tragen darf. Scientology wiegt aber immer genau ab, ob Gewalt etwas bringen würde. Das hat einen einfachen Grund. Den einzigen Pluspunkt, den Scientology zu besitzen glaubt, ist Image. Sie würden daher alles vermeiden, das im Endeffekt auf sie zurückfällt. Es wird vielmehr mit psychologischer Gewalt gearbeitet. In einem Fall haben sich zum Beispiel drei von Scientology angeheuerte Detektive gegenüber des Hauses eines Aussteigers eingemietet. Dann haben sie ihn rund um die Uhr bewacht. Vor dem Haus fließt ein kleiner Fluss vorbei. Die Detektive haben sich ein Schlauchboot gemietet und sind am Fluss hin und her gepaddelt. Sie haben den Aussteiger die ganze Zeit beobachtet und gefilmt und das über Monate.
NEWS.AT:
Es gibt ja auch eine Liste, auf der alle Feinde von Scientology stehen. Gibt es die auch für Österreich?
Handl:
Die amerikanische Liste ist unglaublich lang, die österreichische eher kurz. Im Prinzip steht in Österreich jeder Ex-Scientologe auf der Liste oder jemand, der aktiv gegen Scientology vorgegangen ist - also Journalisten sowieso, aber auch Richter. Laut dem Weltbild von Scientology sind 80 Prozent der Menschen gut, sie können noch zu Scientologen gemacht werden. Die restlichen 20 Prozent, dazu zählen auch Journalisten, sind böse und davon sind 2,5 Prozent ganz böse. Da gehöre ich auch dazu. Und gegen diese 2,5 Prozent ist theoretisch jedes Mittel recht. Es gibt eine sogenannte "Fair Game Order", in der steht: Diese Personen können verletzt, betrogen und ihres Eigentums beraubt werden.
Gehirnwäschen und Bootcamps - ein völliger Blödsinn.
NEWS.AT:
Auch viele Kinder, deren Eltern bei Scientology sind, wachsen in der Organisation auf. Wie real sind Bootcamps und Gehirnwäschen?
Handl:
Das ist im Prinzip eine Phantasie von einigen Kritikern, die ein völliger Blödsinn ist. Es gibt aber Vorgaben von Hubbard nach denen gelebt wird. Laut Scientology werden Kinder als Thetane
(Geistwesen der Scientology-Lehre, Anm. der Red.)
in einem kleinen Körper gesehen, für die dieselben Regeln gelten wie für Erwachsene. Wenn zum Beispiel ein dreijähriges Kind von der Schaukel fällt, nimmt man es normalerweise in die Arme und tröstet es. Der Scientologe macht das nicht, er lässt es ausweinen. Kinder werden für Scientology dann interessant, wenn sie schreiben und sinnerfassend lesen können. Es gibt spezielle Kommunikationskurse für Kinder. Ab sieben bis acht Jahren beginnt die Indoktrination.
NEWS.AT:
Und die Gerüchte um Suri Cruise?
Handl:
Das ist an den Haaren herbeigezogen. Es gibt bei Scientology keine Bootcamps, in denen kleine Kinder herumlaufen Ausnahme: Wenn die Eltern der Kinder in der paramilitärischen "Sea Org" sind.
NEWS.AT:
Spezielle Schulen aber sehr wohl.
Handl:
Diese Schulen hat es auch in Wien bis in die 90er Jahre hinein gegeben. Dort gehen aber nicht alle Kinder von Scientologen hin. Es gibt Scientologen, die ihre Kinder dorthin schicken. Das ist ein teurer Spaß. Damals hat es in Wien 6.000 Schilling im Monat und pro Kind an Schulgeld gekostet. Zu 95 Prozent wird dort nach normalem Lehrplan unterrichtet. Die restlichen 5 Prozent werden mit Scientology-Kursen aufgefüllt. Heute gibt es in den USA relativ viele solcher Schulen. Aber nicht jeder Scientologe ist verpflichtet, seine Kinder dorthin zu geben.
NEWS.AT:
Haben Sie noch Kontakt zu ihren Kindern?
Handl:
Seit 2003 habe ich keinen mehr zu meinem jüngsten Sohn und seit Ende 2008 auch nicht mehr zu meinem beiden älteren. Scientology putzt sich natürlich ab und verweist auf meine Ex-Frau und den Stiefvater der Kinder. Aber natürlich sind sie von Scientology beeinflusst.
NEWS.AT:
Wie ist das Verhältnis heute zu ihrer Ex-Frau?
Handl:
Ich habe überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihr.
Weiterführender Link:
Blog von Wilfried Handl
Kommentare
Indoktrination von Phobien Scientology ist das einzige Gefängnis, das alle Gitter und Türen öffnen könnte und niemand würde nur den Versuch wagen aubzuhauen. Die größte Angst jedes indoktrinierten Scientologen ist es, aus Scientology hinausgeschmissen zu werden und damit seine Ewigkeit zu verlieren.
Somit erträgt der Scientologe jede Form von Ethik-Misshandlung (zB. das RPF), da er indoktriniert wurde zu glauben, dass jede ihm zugeteilte Bestrafung nichts im Vergleich zu dem ist, was er erleiden müsste, wenn er von Scientology ausgeschlossen würde.
Re: Indoktrination von Phobien wobei bei mafia denke ich heute eher an was anderes...
schaut euch bitte das viedeo an, und das ist in einem EU land wtf!
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/07/11/spanien-schwere-ausschreitungen-bei-protestzug-von-minenarbeitern/
Mafia? Schlimmer! Mafia: Geld oder Leben
Scientology: Geld UND dein Leben UND deinen Verstand