Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch konnte nach dem zweiten Halbfinale aufatmen. Deutschland qualifizierte sich nicht für das Finale in Kiew - und die absehbare Debatte über den doch geplanten Besuch von Angela Merkel auf der Tribüne neben dem als autoritär kritisierten Staatsoberhaupt blieb aus. Auch insgesamt gelang der UEFA, was sie sich trotz des EM-Mottos "Gemeinsam Geschichte schreiben" vorgenommen hatte: Politische Akzente blieben weitgehend aus, die Boykottdebatte verstummte schon vor dem Eröffnungsspiel.
Für den polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski war es nie eine Frage, ob er zum Endspiel nach Kiew reisen würde. "Der Gastgeber sollte die Gäste empfangen und verabschieden", erklärte die Sprecherin des Präsidenten Joanna Trzaska-Wieczorek, schließlich hätten Komorowski und Janukowitsch das Turnier auch gemeinsam eröffnet. Dabei werde es zwischen den beiden auch "Gelegenheit für Gespräche über alle wichtigen Themen in den polnisch-ukrainischen Beziehungen und auf der Linie Ukraine-EU geben", so die Sprecherin. Auch die Ministerpräsidenten von Italien und Spanien, Mario Monti und Mariano Rajoy, waren in Kiew, ebenso Prinz Felipe aus Spanien.
Auch die polnische Regierung hat Anlass zur Zufriedenheit mit dem Turnier. Die angedrohten Proteste von Gewerkschaften blieben aus. "Alle in Brüssel sind auf mich zugekommen und haben mir für die hervorragende Organisation gratuliert", sagte Ministerpräsident Donald Tusk gegenüber Journalisten. Polen habe sich "ein neues Image" in Europa erarbeitet, auch durch die vielen neuen Autobahnkilometer und die neuen Stadien. Das bestätigen Umfragen: 84 Prozent der ausländischen Besucher in der Gruppenphase beurteilten die Organisation positiv. Tusks rechtsliberale Partei "Bürgerplattform" (PO) darf sich deshalb freuen. Ihre Beliebtheit stieg im Juni deutlich an.
Ganz ohne Gewalt gings nicht
Allerdings notierten die Beobachter auch einen negativen Höhepunkt. Beim Spiel zwischen Polen und Russland in Warschau lieferten sich Hooligans aus den beiden Ländern eine Straßenschlacht, polnische Rowdies griffen dabei auch friedliche Fans an. Die Bilanz: mehr als ein Dutzend Verletzte und 184 Festnahmen. "Ich schäme mich", erklärte die polnische Sportministerin Joanna Mucha - und beruhigte damit die kritischen Töne aus Moskau, die Polen mangelnde Prävention vorgeworfen hatten.
Die meisten Besucher der ersten Europameisterschaft in Osteuropa zeigten sich überrascht über die Gastgeberländer. Polen glänzte mit einer weitgehend reibungslosen Organisation, die Ukraine mit Leidenschaft und Gastfreundschaft. Die Stimmung unter den deutschen Fans in Lwiw (Lemberg) etwa, wo die deutsche Mannschaft zweimal spielte, hätte besser kaum sein können, sagten die Besucher. "Die Leute haben nicht nur angehalten und uns mitgenommen, sondern uns sogar zum Essen eingeladen", sagte Thorben Korfhage aus Berlin, der mit einem Freund per Anhalter in der Ukraine unterwegs war, der APA. Man habe dem Land angemerkt, dass es sich freute, zumindest für vier Wochen ein wichtiger Teil Europas zu sein, so der Tenor der Gäste.
Keine politischen Errungenschaften
Weit weniger Impulse als erhofft brachte das Turnier allerdings für die polnisch-ukrainische Zusammenarbeit, so Beobachter. Dafür stand symbolhaft eine Begebenheit schon kurz vor dem Eröffnungsspiel: Die offizielle UEFA-Internetseite über Lwiw (Lemberg) hatte davon gesprochen, die Stadt sei vor dem Zweiten Weltkrieg "unter Besatzung" gewesen - damals gehörten sie und Ostgalizien zu Polen. Den Text hatten die Verantwortlichen in Lemberg verfasst. Auch während der EM entstand immer wieder der Eindruck eines Wettlaufs zwischen den Staaten. "Wir sind einfach besser", sagte einer der leitenden Organisatoren in Warschau gegenüber der APA.
Auch wenn das Motto der EM zu hoch gegriffen war: Während das Turnier für Polen einen Modernisierungsschub bedeutete, brachte es der Ukraine immerhin mehr Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Ob das Präsident Janukowitsch bei der Parlamentswahl im Oktober helfen oder schaden wird, bei der er die ihn stützende Mehrheit verteidigen will, wird sich erst noch zeigen.