Alle Welt tippt auf Deutschland oder Spanien. Ich sage: Behalten Sie Frankreich im Auge. Die Mannen von Teamchef Laurent Blanc haben nämlich vier Punkte geholt ohne dabei mit Vollgas zu spielen. Die Ukraine wurde beim 2:0 sogar recht entspannt dominiert. Aber Frankreich hat noch Reserven. Das Team hat mit Spielern wie beispielsweise Ribery, Benzema und Nasri eine Kreativ-Offensive, über die bei weitem nicht jeder EM-Starter verfügt. Und ganz nebenbei stehen in der Defensive etwa mit Clichy oder Debuchy ja auch keine Blinden - fürs Grobe läuft mit Philippe Mexes sogar noch die moderne französische Variante von Robert Pecl über den Platz.
Das Spiel gegen den Gastgeber haben die Franzosen jedenfalls trotz der schwierigen Platzverhältnisse klar dominiert, die Ukrainer phasenweise und vor allem in Hälfte zwei schwindlig gespielt. Franck Ribery hatte sogar Zeit, dabei am gegnerischen 16er mit seinen Mitspielern zu diskutieren. Die logische Konsequenz daraus war der französische Doppelschlag durch Jeremy Menez und Yohan Cabaye Anfang der zweiten Hälfte. Hochverdient war die Führung sowieso.
Durch ist Frankreich noch nicht. Die Formkurve zeigt aber nach oben. Im letzten Gruppenspiel gegen Schweden muss die Equipe noch punkten. Ein französischer Kollege ist sich allerdings nicht so sicher, zumindest was die Möglichkeiten Frankreichs im Turnier betrifft. "Die Spieler sind zu egoistisch. Aber Laurent Blanc macht gute Arbeit", wurde mir erklärt. Ich glaube trotzdem, dass Frankreich bei der EURO 2012 noch ein ganz gewichtiges Wort mitzureden hat.
Tormann verhindert Debakel
Die Ukraine muss sich bei ihrem Tormann Andrij Pjatow bedanken, dass sie nicht deutlich höher verloren hat. Denn was der Tormann von Schachtar Donezk in seinem Heimstadion von der Linie gekratzt hat war allerfeinste Tormannkunst. Pjatow ist übrigens nur die Nummer vier im Tor der Ukraine, muss aber spielen, nachdem alle besseren Torhüter vor dem Turnier nach und nach ausgefallen sind. Während Österreichs Teamchef Marcel Koller die Liga nach einer Nummer ins durchstöbert, kann Oleg Blochin also auch ruhig schlafen, wenn der Ersatz des Ersatzes des Ersatzes auf der Linie steht.
Insgesamt hatte der Co-Gastgeber nicht viel zu melden. Andrij Schewtschenko hätte es spannend machen können, hat aber allein gegen Hugo Lloris nicht getroffen. Ansonsten wirkten die Ukrainer mitunter ziemlich überfordert, wenn die Franzosen den Ball laufen haben lassen. Auch für ein Team, das auf Konter ausgelegt ist, war da zu viel Reaktion und zu wenig Aktion. Am Ende war einfach der Abstand zur Klasse der Franzosen zu groß. Oleg Blochin war übrigens auch sichtlich unzufrieden. Hätte er seinerzeit bei Vorwärts Steyr so herumgebrüllt wie in der Donbass Arena, es hätte ihn die ganze Stadt klar und deutlich verstanden.
Grandiose Stimmung
Europameisterlich war dafür die Stimmung in Donezk. Schon den ganzen Nachmittag aber herrschte in der Stadt Gänsehautatmosphäre. Im Stadion dann sowieso. Ich weiß nicht, ob ich schon einmal ein dermaßen lautes Stadion erlebt habe. Selbst das heftige Gewitter tat der grandiosen Atmospäre keinen Abbruch. Erst nach dem zweiten Tor Frankreichs wurde es verständlicherweise etwas stiller. "Welcome to Donetsk", kommentierte ein ukrainischer Fan launig die überflutete Pressetribüne. Ich weiß jetzt nach einer Woche Affenhitze wenigstens, dass es in der ostukrainischen Steppe auch ein echtes Sauwetter gibt.