Erinnerung an Nazi-Verbrechen: Erstmals weltweiter Holocaust-Gedenktag begangen

Befreiung von Auschwitz am 27. Jänner 1945

Erinnerung an Nazi-Verbrechen: Erstmals weltweiter Holocaust-Gedenktag begangen

Der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz ist in diesem Jahr erstmals international als Holocaust-Gedenktag begangen worden. 61 Jahre nach der Befreiung mahnten Redner dort und in Berlin, den Mord an Millionen Juden nicht zu vergessen.

Außenministerin Ursula Plassnik erklärte: "Der Holocaust war ein unvergleichliches Verbrechen, das sich nie wiederholen darf. Voraussetzung ist, dass wir uns der Gräueltaten erinnern und ihrer bewusst sind und dass wir - wie auch Simon Wiesenthal immer betonte - für Aufklärung und Gerechtigkeit eintreten." Die Republik Österreich habe "im Bekenntnis zu einer moralischen Mitverantwortung für die Beteiligung zahlreicher Österreicher an nationalsozialistischen Verbrechen" in den letzten Jahren zusätzliche Maßnahmen für die Opfer gesetzt.

UN-Generalsekretär Kofi Annan verurteilte in einem Aufruf scharf die Leugnung des Massenmordes an den Juden. "Die Leugnung des Holocaust ist das Werk von Verblendeten", schrieb er in seiner Erklärung. "Wir müssen ihre falschen Behauptungen zurückweisen, gleichviel, wann, wo und von wem sie geäußert werden." Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad hatte in jüngster Zeit mehrmals das Ausmaß der Judenverfolgung während der Nazizeit bestritten und die Auslöschung des Staates Israel gefordert.

Im November hatte die UN-Vollversammlung alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen aufgerufen, am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz an den Holocaust zu erinnern. In Deutschland wird der Holocaust-Gedenktag bereits seit zehn Jahren begangen. Bei der Feierstunde des Bundestages in Berlin sagte Parlaments-Präsident Norbert Lammert, das Gedenken gelte allen Opfern des Nationalsozialismus. Auschwitz sei "Stätte und Symbol für den von Deutschen millionenfach begangenen Mord". "Auschwitz ist Chiffre, kein Ort", zitierte er die jüdische Publizistin Grete Weil.

"Wir müssen, wollen und werden weiterhin bereit sein, Lehren aus unserer Geschichte zu ziehen", unterstrich der Bundestags-Präsident. Auch künftig solle die parlamentarische Demokratie fortentwickelt und vor allem geschützt werden. "Dass sich Auschwitz nicht wiederholt, ist unserer aller Verantwortung."

Als Zeitzeuge sprach bei der Gedenkfeier der unter den Nazis als Jude verfolgte Ernst Cramer. Der 93 Jahre alte Publizist hob hervor, für das jüdische Volk sei der "ruchlose Massenmord" die größte Katastrophe seiner Geschichte. Deutschland habe damit einen Tiefpunkt erreicht: "So tief war Deutschland vorher nie gesunken." Er aber sei trotzdem immer deutscher Jude geblieben. Cramer rief zur Wachsamkeit gegenüber einem immer noch vorhandenen Antisemitismus auf.

Bei der Gedenkfeier auf dem Gelände von Auschwitz-Birkenau nannte Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz die Erinnerung an den Holocaust eine Aufgabe für die gegenwärtige und künftige Generationen. "Auschwitz ist der größte Friedhof Europas, auf dem es keine Gräber gibt", sagte er. "Um so größer ist die Verpflichtung, die Erinnerung an das zu erhalten, was hier geschah, um die hier Ermordeten zu ehren und die Welt vor Hass und Aggression zu warnen".

Auch ehemalige Häftlinge erinnerten an die Lagerhölle von Auschwitz und an ihre ermordeten Freunde und Verwandten. "Wäre ich in Treblinka gestorben, wäre ich beim Vater gewesen, in Majdanek bei der Asche meiner Mutter, in Auschwitz mit dem Bruder", sagte die polnische Jüdin Halina Birenbaum, die als Kind eine Nacht in der Gaskammer von Majdanek überlebte, weil das Giftgas ausgegangen war.

Jerzy Ulatowski, der als 13-jähriger nach dem Warschauer Aufstand nach Auschwitz deportiert worden war, erinnerte an den Abschied von einem jüdischen Freund, den der berüchtigte Lagerarzt Josef Mengele zu medizinischen Versuchen missbraucht hatte: "Er sagte Lebwohl, erzähl, was mit mir passiert ist, und nimm dir meine Zahnbürste. Ich erinnere mich bis heute daran und an diese Bürste."

Bereits am Donnerstag hatten sich 200 Menschen in Warschau vor dem Denkmal der Ghetto-Kämpfer versammelt, um das jüdische Totengebet für die Opfer des Holocaust zu beten. Seit Mittwoch fahren zwei Straßenbahnen auf den Gleisstrecken, die durch das ehemalige Ghetto führen. Die Bahnen sind leer und halten nur am Umschlagplatz, der für mehr als 300 000 Warschauer Juden der Ausgangspunkt der Deportationen nach Treblinka und andere Vernichtungslager war.

(apa)