Ein gefährliches "Pulverfass": Unruhen in kalifornischen Gefängnissen vor Eskalation

Die Aufstände dauern schon mehrere Wochen an Auseinandersetzungen zwischen Gangs als Auslöser

Ein überfahrenes Stoppschild und der Verdacht auf Drogenbesitz brachten den 38-jährigen Kalifornier Sean Anthony Thompson Anfang Februar ins Gefängnis. Fünf Tage später war der dreifache Vater tot. Nach einer blutigen Auseinandersetzung mit drei hispanischen Häftlingen in einer Zelle des Männergefängnisses von Los Angeles erlag der Afroamerikaner seinen Verletzungen. Nach Angaben der "Los Angeles Times" war der Mann einem älteren, ebenfalls schwarzen Mithäftling zur Hilfe gekommen, der von den Latinos im Streit um eine besseren Schlafpritsche drangsaliert worden war.

Thompson war das zweite Todesopfer bei den seit Wochen tobenden Gefängnisunruhen. Anfang Februar war in einer anderen südkalifornischen Haftanstalt ein 45-jähriger schwarzer Insasse getötet worden. Fast hundert Häftlinge, die mit Fäusten, Möbelstücken und selbst gebastelten Waffen aufeinander losgingen, wurden teilweise schwer verletzt. Die Wärter mussten mit Tränengas und anderen Waffen anrücken. "Wir befinden uns in einem Krieg", warnte der Bezirksvorsitzende Mike Antonovich in dieser Woche vor einer weiteren Eskalierung der Gewalt.

Inhaftierte Bandenführer der "mexikanischen Mafia"-Gang stecken nach Angaben der Polizei hinter den jüngsten Unruhen. Sie sollen andere Latinos dazu aufgefordert haben, schwarze Mithäftlinge anzugreifen. Sie holten die Bandenkämpfe, die auf der der Straße toben, auch ins Gefängnis, hieß es. Die Bürgerrechtsgruppe ACLU macht dagegen die "katastrophalen" Zustände in den Gefängnissen für die zunehmenden Ausschreitungen verantwortlich. "Die Hautfarbe ist nicht das Problem", sagte Jody Kent der dpa.

"Weit über die Kapazität belegte Zellen, viel zu wenige Wärter und fehlende Beschäftigung und Therapie" verwandelten die Haftanstalten in ein "Pulverfass", warnt die für Häftlingsfragen zuständige ACLU- Beauftragte. So säßen die meisten der rund 20.000 Häftlinge in den Bezirksgefängnissen von Los Angeles 24 Stunden in ihren Zellen. Nur ein Mal pro Woche seien drei Stunden Sport erlaubt. Schon über kleine Dinge wie etwa wer in welchem Bett schläft und wer zuerst telefonieren darf, komme es zum Streit, erläutert Kent.

Schlafsäle mit bis zu 100 Gefangenen
Gefährliche Verbrecher und Kleinkriminelle teilen sich häufig große Schlafsäle mit bis zu 100 Gefangenen. Einzelzellen sind Mangelware. Neben den Bezirksgefängnissen platzen auch die 33 staatlichen Haftanstalten in Kalifornien mit 168.000 Häftlingen - fast doppelt so viele wie vorgesehen - aus den Nähten. Drastische Strafen in dem Westküstenstaat sind unter anderem an der Überbelegung schuld. So trat in den Neunziger Jahren das "Three-Strike-Gesetz" in Kraft. Danach wird jeder Kriminelle mit Haft von 25 Jahren bis lebenslänglich bestraft, wenn er zuvor bereits zwei Mal "ernste" oder "gewalttätige" Verbrechen begangen hat.

Eine unbezahlte Parkstrafe brachte Anthony Valdez in der vergangenen Woche für zwei Tage in das Männergefängnis von Los Angeles. Er sei mitten in die Auseinandersetzungen zwischen Latinos und Schwarze geraten, sagte der 32-Jährige der "Los Angeles Times". "Ich hätte dort umkommen können", schilderte er nach seiner Entlassung.

(apa)