Ein Flirt in Schwarz-Rot: Nach jahrelanger Ablehnung gehen ÖVP & SPÖ auf Kuschelkurs

NEWS: Warum sich die beiden Lager wieder annähern PLUS: Parteigranden treten für Große Koalition ein!

Eigentlich hatte Wolfgang Schüssel ja stets von einer dritten Legislaturperiode unter seiner Kanzlerschaft geträumt - freilich wieder mit einem denkbar schwachen Partner. Aber als geübter Techniker der Macht hat er längst erkannt, dass nach der Implosion der Haider-Partei seine Optionen nach der nächsten Nationalratswahl im Herbst 2006 geschrumpft sind.

Und auch wenn der Bundeskanzler sich offiziell "auf keinerlei künftige Koalitionen" festlegen will, gibt es in der ÖVP-Zentrale längst hektische Strategiesitzungen für den Tag danach. Schüssel rechnet laut einem ÖVP-Spitzenmann zwar weiterhin mit einer schwarz-blauen Mehrheit, weiß aber, dass eine Koalition mit der mittlerweile wieder radikal-oppositionellen Strache-FPÖ zumindest in den blauen Gremien keine Mehrheit finden würde. Daher ist nun, jedenfalls hinter den Kulissen, "Plan B" angesagt.

Schüssels "Plan B"
Auch wenn die ÖVP-Maschinerie ihren ehemaligen langjährigen Koalitionspartner SPÖ offiziell als "populistisch", "nicht regierungsfähig" und "chaotisch" tituliert, schickt Schüssel bereits seine Emissäre aus, um wieder zarte Bande mit den Roten zu knüpfen.

SP-Kommunikationschef Josef Kalina bestätigt die NEWS-Recherchen: "Ja, die ÖVP spielt ein Doppelspiel. Hier der Oberlehrer Molterer, der die SPÖ laufend mit Zensuren bedenkt; dort versucht man, die alten Drähte zu reaktivieren."

Bleibt die ÖVP Nummer eins, so bleibt auch Schüssel - und will Gusenbauer bleiben, müsste er den Vizekanzler geben. Gelingt freilich Gusenbauer der Sprung auf Platz eins, ist er Kanzler - und Schüssel Pensionist.

ÖVP-und SPÖ-Granden für große Koalition
In beiden Lagern gibt es jedenfalls Anhänger der großen Koalition - auch wenn offizielle Polit-Liebeserklärungen zu Abmahnungen seitens der jeweiligen Parteispitze führen.

Ein überraschender Befürworter einer großen Koalition, allerdings nur unter ÖVP-Führung, ist laut Freunden der Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Der ehemalige Ziehsohn Jörg Haiders und einstige FPÖ-Generalsekretär, heutiges "parteifreies" ÖVP-Vorstandsmitglied, will keine Koalition mit der Strache-FPÖ und auch keinesfalls eine mit den "linken" Grünen. In einer großen Koalition, in der die SPÖ den Kanzler stellen würde, hätte er freilich keine Chancen, Minister zu bleiben.

Sehnsucht nach "Großer"
Warum aber ÖVP-und SPÖ-Spitzen zurückhaltend mit Koalitionsansagen sind, beantwortet der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier von der Donau-Universität Krems: "Man kann nicht für ein Co-Produkt Werbung machen, das funktioniert nicht. Jede Ankündigung ist daher problematisch. Und wenn man der jeweils eigenen Partei nicht die drohende Opposition als Super-GAU darstellen kann, besteht die Gefahr, dass die Funktionäre zu wenig motiviert sind." Etwas anderes ist die Entscheidung nach der Wahl: "Wenn es eh nicht anders geht, wie in Deutschland, dann redet man vorher nicht viel drüber, sondern macht die große Koalition."

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