Doping-Affäre bei Olympia in Turin: Biathlet Perner aus Angst vor Verhaftung geflüchtet

"Musste mich hinstellen & zwei Mal nackt ausziehen" Perner hatte Angst: "Sie sind richtig rabiat geworden"

"Für mich ist es vorbei, ich brauche Biathlon nicht mehr zu machen." Wolfgang Perners Aussage nach seiner überstürzten Abreise von den Olympischen Winterspielen klang nach einem Schuldeingeständnis. Der 38-jährige Steirer ist aus Angst vor einer Verhaftung durch die italienischen Behörden noch in der Nacht auf Sonntag in die Heimat zurückgefahren, nachdem bei der Razzia im Haus der ÖSV-Biathleten in San Sicario in seinem Zimmer verdächtige Gegenstände gefunden worden waren. Perners Teamkollege Wolfgang Rottmann hält die "Razzia" für eine "Wahnsinnsaktion".

Perner war gemeinsam mit Wolfgang Rottmann nach einem Gespräch mit Cheftrainer Alfred Eder abgereist, dem es nicht gelang, das Duo umzustimmen. Von seinem Ausschluss aus dem ÖOC-Team durch Präsident Leo Wallner musste Perner aus dem TV erfahren. "Irgendwie ist es verständlich, aber ich habe damit gerechnet, dass alle Bescheid wissen, dass wir weg sind" sagte der Ramsauer.

Die Razzia hatte den bodenständigen Menschen Perner schwer mitgenommen. Der Senior unter den ÖOC-Athleten in Turin sprach gegenüber der APA von einer "menschenunwürdigen Vorgangsweise" der beteiligten Beamten. "Ich musste mich hinstellen und mich zwei Mal völlig nackt ausziehen", erklärte Perner. Ein Carabiniere sei in der Tür gestanden, ein Ermittler in Zivil habe das Zimmer auf den Kopf gestellt und alle Dinge auf das Bett geworfen. Danach sollte der Olympia-Dritte von 2002 einen Bericht unterschreiben. "Ich habe mich geweigert, weil ich nicht Italienisch verstehe, da sind sie richtig rabiat geworden. Ich habe Angst gehabt", schilderte Perner die Situation.

"Nach der Durchsuchung wollte ich nur noch weg. Ein Südtiroler Carabiniere hat mir gesagt, dass Sachen dabei waren, die ich nicht haben dürfte", meinte Perner. "Ich dachte mir, ich fahre weg, bevor sie mich verhaften und ich meine Familie nicht mehr sehe." Der Steirer sagte, im Abfallkübel seien Spritzen und Nadeln gefunden worden.

Ob dies verbotene Substanzen gewesen seien, wollte Perner nicht bestätigen. "Da muss man warten, was rauskommt. Wenn offengelegt wird, was gefunden wurde, werde ich dazu Stellung nehmen." Dass er jener Athlet gewesen sei, der einen von den Carabinieri gefundenen Sack mit Spritzen aus dem Zimmerfenster geworfen habe, stellte Perner vehement in Abrede.

Österreichs bisher einziger Olympia-Medaillengewinner im Biathlon hatte schon eine Stunde vor Beginn der Polizeiaktion mit seiner Heimreise geliebäugelt. Cheftrainer Alfred Eder hatte ihm mitgeteilt, dass er nicht für die Staffel am Dienstag nominiert sei. "Da habe ich ihm gesagt, ich bin so enttäuscht, dass ich am liebsten heimfahren würde. Denn von der Staffel hätte ich mir viel erwartet, das wäre mein Highlight gewesen."

Die Diskussion um die Nominierung - auch Sportdirektor Markus Gandler war involviert - dauerte eine Stunde. "Ich verstand es nicht, warum so wie bei der WM in Hochfilzen wieder ich der fünfte Mann sein sollte", erzählte Perner von seiner Enttäuschung. Nach der Razzia rückten diese Dinge weit in den Hintergrund.

Biathlet Rottmann: "Stand nach Razzia unter Schock"
Den Salzburger Biathleten Wolfgang Rottmann hat die Doping-Razzia in der ÖSV-Unterkunft in San Sicario so wie seine Teamkollegen schwer mitgenommen. "Das war eine Wahnsinnsaktion, bewaffnete Polizisten sind ins Haus gestürmt. Ich bin unter Schock gestanden", erklärte der 32-Jährige in einem ORF-TV-Interview. "Ich wollte nicht mehr länger in diesem Land bleiben", sagte Rottmann, der gemeinsam mit Wolfgang Perner unmittelbar danach in die Heimat zurückgekehrt war.

"Ich habe nichts verbrochen", sagte Ex-Weltmeister Rottmann weiter, "meiner Karriere steht nichts im Weg." Eigentlich habe er seine Laufbahn nach dieser Saison beenden wollen. "Ich wollte aufhören, aber so will ich nicht abtreten."

(apa/red)