Diskussion über umstrittene Elite-Uni: Projektgruppe riet von Standort Gugging ab

Gehrer begründete Wahl mit Standortvorteilen SPÖ und Grüne fordern Offenlegung des Gutachtens

Die im Bildungsministerium eingesetzte Projektgruppe zur Vorbereitung der Elite-Universität hat in einem Bericht an Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) noch Ende Jänner von einer Standortentscheidung für Gugging (Niederösterreich) abgeraten. In einem der APA vorliegenden "Vorschlag für die Standortentscheidung" heißt es, dass die Option, Gugging "trotz der Standortnachteile anzunehmen, eventuell als günstig erscheint. Im Sinne eines AIST aber, das mit möglichst geringem Aufwand mit den lokalen Universitäten kooperieren können soll und Platz für Spin-Offs und Industrieansiedlung in unmittelbarer Nähe braucht, sollte man diese nicht wählen."

Vor die Alternative "Entweder Gugging oder nichts" habe die Politik die Arbeitsgruppe zur "Elite-Universität" gestellt. Dies betonte der Quantenphysiker Anton Zeilinger.

Die Politik sei der Meinung gewesen, "dass es besser ist, eine Lösung zu haben, die kurzfristig schneller verwirklichbar ist - das ist Gugging -, als eine Lösung, die langfristig mehr Entwicklungsperspektiven bieten könnte", erklärte Zeilinger im Ö1-"Mittagsjournal". In den vorgelegten Studien zur Bewertung der verschiedenen Standorte habe es keinen eindeutigen Sieger gegeben.

Zeilinger, der Chemiker Peter Schuster, sowie der dritte Wissenschafter im Projektteam, Arnold Schmidt, hatten sich nach der Entscheidung der Regierung für Gugging (Niederösterreich) aus dem Projekt zurückgezogen.

St. Marx in Standortvergleich besser
Beim Standortvergleich bekam nicht Klosterneuburg-Gugging, wo die Uni jetzt errichtet werden soll, sondern das Areal St. Marx im Süden Wiens die meisten Punkte. Das berichtet das Nachrichtenmagazin "profil" unter Berufung auf die von der Unternehmensberatung McKinsey und dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) erstellte Bewertung.

Bildungsministerin Gehrer und Bundeskanzler Schüssel hatten die Entscheidung für Gugging mit Standortvorteilen begründet. Eine abschließende Standortempfehlung geben die Autoren der Vergleichsstudie zwar nicht ab, zählt man die für verschiedene Standortvorteile vergebenen Punkte zusammen, ist allerdings St. Marx Sieger, berichtet "profil".

Dieser Standort bekam demnach 1051 Punkte, gefolgt vom zweiten Wiener Standort in Aspern mit 1016 Punkten und Gugging mit 942 Punkten. Anders als die Bundesregierung werteten die Studienautoren die wissenschaftliche Eignung und nicht die Finanzierung als wichtigstes Entscheidungskriterium.

Gugging hat demnach in zwei von vier Teilbereichen am besten abgeschnitten - den Soft Skills des generellen Standortprofils und der Finanzierung. Im ersten Fall jedoch nur, weil die Berater die "schlechtere Umweltqualität" und "geringere Sicherheit" der Hauptstadt ins Treffen führten und insgesamt um drei von 243 Punkten höher bewerten als die "bessere Arztversorgung" Wiens.

Auch die Differenz zwischen dem niederösterreichischen und dem Wiener Zuschuss zum Exzellenzinstitut fällt laut "profil" in der Studie weit niedriger aus als vom Kanzler angegeben. Der Vergleich weise den Standort Gugging als um 45 Millionen Euro billiger aus als das Gelände Aspern. Jedoch nur, da Finanzzusagen Wiens über 20 Millionen Euro für die Jahre 2006 bis 2016 nicht miteingerechnet worden seien.

Opposition fordert Offenlegung des Gutachtens
SPÖ und Grüne haben Bildungsministerin Gehrer aufgefordert, die Gutachten der Unternehmensberatung McKinsey und des Centrums für Hochschulentwicklung zu möglichen Standorten für eine Elite-Uni zu veröffentlichen.

Wenn das stimme, sei die "letzte Verteidigungsfront" von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Gehrer zusammengebrochen, meinte SP-Wissenschaftssprecher Josef Broukal in einer Aussendung. In Briefen an die beiden habe er um Aufklärung geben, so Broukal. Er erneuerte seine Forderung nach einem "Zurück an den Start" bei dem Projekt.

Der Grüne Wissenschaftssprecher Kurt Grünewald meinte: "Es scheint, dass Schüssel und Gehrer bei der Standortentscheidung für die Elite-Uni sich mehr von politischer Freunderlwirtschaft als von Sachlichkeit haben leiten lassen." Grünewald erwartet sich nun von Gehrer die Veröffentlichung der Bewertungen von McKinsey, wie es von Seiten des Ministerium verbindlich zugesagt worden sei. Immerhin habe die Entscheidung Gehrers dazu geführt, dass die Promotoren vom Projekt abgesprungen seien und weitere "unsachgemäße Entscheidungen" befürchtet hätten. "Die heute bekannt gewordene Bewertung würde diese Begründung untermauern", so Grünewald.

SP will bei Wahlsieg neuen Standort
Die SPÖ will nach einem Sieg bei der Nationalratswahl gemeinsam mit den abgesprungenen Wissenschaftern einen neuen Standort für die Elite-Uni suchen. Dies kündigte SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal an. Für ihn ist der Standort Gugging "tot", die Entscheidung aber "korrigierbar": Bis zum Herbst werde nicht viel Geld in das Projekt fließen - "außer für eine Spatenstich-Wahlkampfveranstaltung der ÖVP".

Die vom Quantenphysiker Anton Zeilinger geschilderte Alternative "Entweder Gugging oder Nichts" bezeichnete Broukal als "erschütterndes Dokument eines gescheiterten Nötigungsversuches". ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek wies die Kritik zurück. Der Standort St. Marx in Wien sei etwa bei der Endauswahl nicht mehr in Betracht gezogen worden, da dort zu wenige Erweiterungsmöglichkeiten für Spin-offs in unmittelbarer Nähe und für eine Campusbildung vorhanden gewesen seien. "Die Auswahl war letzten Endes zwischen dem Flugfeld Aspern und Klosterneuburg zu treffen. Und Klosterneuburg lag bei zwei der vier Kriterien vorne", so Brinek. (apa/red)