DIGITALISIERUNG von

Googeln war gestern

Wie künstliche Intelligenz schon bald den ganz normalen Alltag regeln wird

Pop-up-Store Google Home © Bild: 2016 Getty Images/Spencer Platt / Staff

"Okay, Google - spiel den Soundtrack zu 'Spaghetti für Pepe'!" Eine freundliche Frauenstimme bestätigt den Befehl und lässt sofort die passende italienische Schnulze aus dem Lautsprecher ertönen. Phil Dunphy, der coole Dad und Technik-Nerd aus der US-Fernsehserie "Modern Family", zeigt mit Google Home in der aktuellen Folge, was für europäische Haushalte noch wie Zukunftsmusik klingt: eine sprachgesteuerte künstliche Intelligenz, die uns in der Wohnung als schlichter Lautsprecher getarnt und unterwegs direkt im Smartphone integriert durch den Alltag begleitet.

Digitale Assistenten sollen 2017 richtig in Schwung kommen. Sie koordinieren über Sprachbefehle Termine am Smartphone, lassen sich Mitteilungen diktieren und lesen sie vor oder beantworten Suchanfragen. In Kürze werden sie auch dazu in der Lage sein, nicht nur die besten Lokale in der Nähe zu finden, sondern gleich einen Tisch dort zu reservieren. Das Zuhause verwandeln sie in ein "Smart Home" und agieren als lernende Kommandozentrale für alle elektronisch ansteuerbaren Geräte - vom Fernseher über die Beleuchtung bis zum Backrohr.

Google Home
© 2016 Getty Images/Spencer Platt

Google Home ist ein smarter Lautsprecher in Bierdosengröße. Nach den Worten "Okay, Google" nimmt er Sprachbefehle entgegen.

Absolut im Trend

Die Bestrebungen zu einem allgegenwärtigen Dienst, der dem Nutzer in jeder Lebenslage intuitiv mit Rat und Tat zur Seite steht, gibt es nicht erst seit gestern: Bereits 2011 hob Apple Siri unter großem medialem Echo aus der Taufe. Siri ist seither fixer Bestandteil von Iphone, Ipad und Apple Watch. Microsofts Sprachassistentin Cortana fristet seit 2014 zwar ein Nischendasein auf -kaum verbreiteten - Windows Phones, versucht aber derzeit an Bord des Desktop-und Tablet-Betriebssystems Windows 10 zu reüssieren. Nächstes Jahr veröffentlicht Microsoft gemeinsam mit Hi-Fi-Hersteller Harman Kardon eine überarbeitete Version.

Für den Heimbereich ist der Versandhändler Amazon nach erfolgreichem US-Start 2015 auch im deutschsprachigen Raum gerade dabei, ausgewählten Kunden per Einladung Amazon Echo zu verkaufen. Der zylinderförmige Lautsprecher wird mit der eigens entwickelten Assistenzfunktion Alexa ausgeliefert. Sie tätigt auf Sprachbefehl Bestellungen, übernimmt die Steuerung kompatibler Elektronik und Software im Haushalt und streamt Filme und Musik des Anbieters.

Recycling nach Plan

Nun setzt also Suchmaschinenkönig Google den nächsten Meilenstein für die Technologie: Mit der Ankündigung eigenständig entwickelter und produzierter Hardware nutzt der Konzern die Gelegenheit, auch den Google Assistant voranzutreiben. Und das gleich flächendeckend an beiden Fronten: Neben dem "Google Home"-Lautsprecher ist die neue Smartphone-Serie "Google Pixel" das Aushängeschild für den persönlichen Assistenten.

Der Google Assistant ist allerdings kein gänzlich neues Produkt. Man greift in erster Linie auf die Erfahrungen aus dem Dienst Google Now zurück, der 2012 veröffentlicht wurde und mittlerweile auf allen mobilen Endgeräten mit dem Google-Betriebssystem Android verfügbar ist. Während Google Now im weitesten Sinne nur als reaktive Art sprachgesteuerter Google-Suche und Handy-Fernbedienung verstanden werden kann, will Google Assistant einen Schritt weitergehen: Die dahinterliegenden Algorithmen sollen ihm eine künstliche Intelligenz verleihen, die dazu fähig ist, mit dem Nutzer Konversationen zu führen und sich diese zu merken. "Nach einiger Zeit beantwortet er nicht nur einzelne Fragen, sondern Sie können eine richtige Unterhaltung führen und sich auf vorher Besprochenes beziehen", sagt David Singleton, Vizepräsident bei Google Engineering.

Die meistgefragten Internetdienste wie die Google-Suche oder Google Maps, auf die der Google Assistant während der Nutzung bereits voll integriert zurückgreifen kann, sollen laufend um neue Vernetzungen ergänzt werden. Erst vor wenigen Tagen hat Google seinen Assistenten für Drittanbieter geöffnet und damit neue Funktionen und Dienste in Aussicht gestellt. "Bald können Sie damit ein Taxi rufen, eine Restaurantreservierung machen, ganze Urlaube planen, wobei sich der Google Assistant ihre Vorlieben oder Abneigungen gemerkt hat", sagt Singleton.

Der Assistent im Alltag

"Ich bin wahrscheinlich deshalb so müde, weil so unglaublich viele Talente in mir schlummern." Fragt man den Google Assistant nach einem Witz, gibt er sich wenigstens Mühe, jedes Mal einen neuen zu erzählen. Gespräche, die über einseitigen Small Talk hinausgehen, sind aber nicht möglich. Das liegt daran, dass er sich frühere Aussagen des Nutzers sehr eingeschränkt merken kann, zumindest in deutscher Sprache. Nur selten interpretiert der Assistent die Folgefrage zu einer vorangegangenen Suchanfrage richtig. Überraschend gab der Assistent im Test vor, sich die Lieblingsspeise des Nutzers zu merken. Die Kontrollfrage wenig später konnte er allerdings nicht beantworten. Immerhin folgte: "Aber bestimmt lerne ich es bald."

Ein Praxistest mit dem neuen Google-Smartphone "Pixel XL" zeigt, dass die Technologie erstaunliche Fortschritte macht, aber oftmals auch noch sehr stark an Google Now erinnert. Ist das Gerät über eine kurze Sprechprobe der Stimme des Nutzers zugeordnet, kann man den Assistenten mit den Worten "Okay, Google" aktivieren und ihm Sprachbefehle erteilen. Mühelos lassen sich Korrespondenzen über E-Mail und SMS abwickeln, Termine eintragen oder Funktionen und Dienste des Smartphones nutzen. In der Paradedisziplin der Suchanfragen gibt sich der Assistent ganz selten Blöße. All das kann Google Now aber auch.

Was den Google Assistant von seinem Vorläufer unterscheidet, ist der Versuch, den Dienst von einer bloßen Sprachsteuerung für das Smartphone in die erste Anlaufstelle für Alltagsbedürfnisse zu verwandeln. Neben der schnellen Sprachverarbeitung zahlt die neue Benutzeroberfläche in Gestalt des vertrauten Dialogfensters darauf ein: Anstatt den Nutzer bei Anfragen jedes Mal zum geeigneten Google-Dienst oder in einen Browser umzuleiten, zeigt der Assistent die Antworten in einem Chat kompakt und übersichtlich an.

Im direkten Vergleich zu Apples Pionierin Siri wird ersichtlich, dass Google schon einen Schritt weiter ist, den digitalen Assistenten alltagstauglich zu machen. Abgesehen davon, dass die Sprache präziser erkannt und natürlicher wiedergegeben wird als von Siri, zeigt sich der Google Assistant auch zielstrebiger. Er kann kurze und präzise Antworten laut vortragen, während Apples Begleiterin eher dazu neigt, als verlängerter Arm einer Suchmaschine Ergebnisse aufzulisten, aus denen der Nutzer erst wieder selektieren muss. Punkten kann Google auch mit der unterhaltsameren Präsentation, die nicht so roboterhaft wirkt wie bei Apple. Im Vorteil ist Siri aufgrund ihres Altersvorsprungs lediglich bei der Unterstützung von Apps, die von Drittanbietern kommen. Beide Assistenten wirken in Einzeldisziplinen durchaus überzeugend, für den Alltag sind sie derzeit dennoch zu fehleranfällig, um vollständig darauf vertrauen zu können.

Dem Datenschutz voraus

Es ist nicht nur das Vertrauen der Nutzer in die Lösungen und Vorschläge der Sprachassistenten, das über ihre Etablierung entscheiden wird. Auch das Vertrauen, dass die Wahrung der Privatsphäre nicht zu kurz kommt, ist von großer Bedeutung. Die Tragweite der Zustimmungserklärungen, die der Nutzer dem Anbieter vor der Verwendung erteilt, wird dabei häufig unterschätzt. Während Google selbst volle Transparenz beteuert, sieht Bertram Burtscher, Rechtsanwalt und Partner für Datenschutz und Informationstechnologie bei Freshfields Bruckhaus Deringer, die Angelegenheit differenzierter: "Unternehmen wie Google und Amazon sind diesbezüglich sehr gut aufgestellt und überlegen sehr genau, wie sie ihre relevanten Datenschutzerklärungen ausgestalten und wie sie die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen sicherstellen, um solche Tools nutzen zu können."

Die aktuellen Datenschutzbestimmungen werden rasant fortschreitender Informationstechnologie wie digitalen Sprachassistenten auch noch länger hinterherhinken müssen. Erst im Mai 2018 soll die neue Grundverordnung der EU dazu in Kraft treten, die eine erhebliche Verbesserung des Datenschutzniveaus verspricht. "Es wird eine große Errungenschaft sein, dass diese Zustimmungserklärungen deutlich differenzierter ausgestaltet sein müssen", sagt Burtscher. "Es muss auch möglich sein, zu einzelnen Aspekten die Zustimmung zu erteilen, zu anderen nicht. Die Kopplungsmöglichkeiten werden deutlich eingeschränkt und müssen sachlich viel klarer gerechtfertigt werden."

Ungeachtet dieser Datenschutzbedenken folgen digitale Sprachassistenten 2017 einer Vision, die sich langfristig durchsetzen wird: Googeln war gestern. Ob es aber auch der Google Assistant sein wird, der mit seiner infrastrukturell hervorragenden Ausgangslage das Rennen machen wird, ist noch offen.

Oder, um es mit den Worten von Apple-Mitbegründer Steve Wozniak zu formulieren: "Tatsächlich habe ich schon mein zweites Amazon Echo bestellt. Ich habe zu meinem Echo nur gesagt: 'Bestell mir ein Echo!'"

Kommentare

seh noch immer keinen Sinn in diesem "Bullshit"

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