Die Latte liegt hoch: 17 Medaillen von 1998 und 2002 als Ziel des ÖOC-Aufgebots in Turin

Wallner: "Möglichst viele Medaillengewinner feiern" Zweiteilung der Spiele in Turin und Bergregion droht

Dabei sein ist längst nicht mehr genug, auch der Erfolg eines Olympia-Teams wird an Medaillen gemessen. Für das 82-köpfige österreichische Aufgebot bei den XX. Winterspielen in Turin, die am Freitagabend im renovierten Stadio Comunale eröffnet werden, gelten die jeweils 17 Medaillen von Nagano 1998 und Salt Lake City 2002 als großes Ziel.

ÖOC-Präsident Leo Wallner wollte sich wie gewohnt auf keine Zahl festlegen, wäre aber glücklich, wenn auch die eine oder andere Goldene dabei sein würde. "Wir hoffen, dass wir beim großen Empfang nach den Spielen in Salzburg (27.2.) möglichst viele Medaillengewinner feiern können", sagte das IOC-Mitglied.

Die größten ÖOC-Hoffnungen tragen wie immer die alpinen Skirennläufer, die in zehn Bewerben die Chance haben, die Gesamtzahl von bisher 162 Medaillen bei Winterspielen (davon 42 Goldene) zu erhöhen. 16 Mitglieder der rot-weiß-roten Mannschaft, deren erste große Abordnung am Montag nach der Angelobung durch Bundespräsident Heinz Fischer zu den 17 Tage dauernden Spielen nach Turin fliegt, haben bereits Erfahrung mit Siegerehrungen (insgesamt 27 Medaillen). Und 17 Monate vor der Vergabe der Winterspiele 2014 sollen die ÖOC-Aktiven mit Top-Leistungen auch Werbung machen für Österreich und dessen Kandidaten Salzburg.

Kein Olympia-Hype in Region zu erwarten
Wenn die Winterspiele nach Gastspielen in Asien und Nordamerika nach Europa zurückkehren, ist freilich fraglich, ob in Italien die gleiche Begeisterung entfacht wird, wie zwölf Jahre zuvor durch die norwegischen Fans in Lillehammer. Noch sind bei weitem nicht alle der eine Million Eintrittskarten verkauft, bei den Alpinbewerben darf man von einer Atmosphäre wie in Kitzbühel oder Schladming nur träumen.

Denn die Zahl der aufgelegten Tickets wurde mit jeweils rund 7.000 limitiert, um in den Alpentälern um Sestriere Transportprobleme möglichst gering zu halten. IOC-Präsident Jacques Rogge gab sich dennoch optimistisch: "Ich bin sicher, dass Turin und die Berge mit Beginn der Spiele erwachen, getreu ihrem Slogan 'Hier lebt die Leidenschaft'".

Berge und Turin getrennt
Diesen Leitspruch zu erfüllen, wird nicht leicht für die Industrie-Metropole im Piemont, die sich - nicht zuletzt dank des Einflusses der Agnelli-Familie - gleich bei der ersten Kandidatur gegen Mehrfach-Bewerber Sion (SUI) und Klagenfurts "Senza-Confini"-Idee durchgesetzt hat. Denn angesichts der topographischen Gegebenheiten ist zu befürchten, dass die XX. Winterspiele als zwei getrennte Veranstaltungen ablaufen werden: In der 900.000-Einwohner-Stadt Turin mit allen Hallen-Wettbewerben auf Eis und in der knapp 100 Kilometer entfernten Bergregion mit allen Entscheidungen auf Schnee und im Eiskanal.

Ein Bindeglied sollen einige Siegerehrungen bilden, die - zum Teil am nächsten Tag - nicht am Wettkampfort, sondern umrahmt von einem Kulturprogramm auf der Piazza Castello in Turin in Szene gehen werden. Der Ansturm auf die (kostenlosen) Karten war groß, 80.000 Tickets für 14 der 15 Konzerte (u.a. mit Anastacia, Ricky Martin, Whitney Houston, Lou Reed, Avril Lavigne) waren innerhalb von vier Tagen vergriffen.

Vermehrt Entscheidungen am Abend
Die zweiten Winterspiele in Italien nach Cortina d'Ampezzo 1956, deren Durchführung 1,3 Milliarden Euro kostet, werden jedenfalls als die ersten "Flutlicht-Spiele" in die Olympia-Geschichte eingehen. 46 der 84 Entscheidungen fallen nach 17:00 Uhr. Dadurch und angesichts der Ansetzung von "medaillenträchtigen" Alpinbewerben (4) sowie Skispringen am Wochenende verspricht sich auch der ORF, der mehr als 250 Stunden live überträgt, Rekord-Quoten.

In mehr als 170 Ländern flimmern die Winterspiele über die Bildschirme und spülen Organisatoren, IOC und Internationalen Sportverbänden allein vom US-Sender NBC und den europäischen EBU-Anstalten Einnahmen von 748 Millionen Dollar (ca. 617 Mio. Euro) in die Kasse.

Sechs Bewerbe mehr als 2002
Die Ausweitung des Olympia-Programms geht weiter. Rund 2.500 Aktive treten zwar weiterhin in 15 Sportarten an, doch im Vergleich zu 2002 kamen sechs Bewerbe hinzu: Team-Entscheidungen im Eisschnelllauf und Langlauf-Sprint, das Cross-Rennen der Snowboarder und der Massenstart im Biathlon (jeweils für Damen und Herren) sind neu, nur die Langläufer mussten dafür je ein Einzelrennen opfern.

Drei Olympische Dörfer
Die Athletinnen und Athleten aus 80 Ländern (Salt Lake City: 77) werden in drei Olympischen Dörfern in Turin, Sestriere und Bardonecchia untergebracht. So wie die Österreicher haben aber viele Verbände wegen der besseren Bedingungen (Höhenlage, Entfernung) trotz enorm hoher Kosten Privatquartiere angemietet.

Ähnlich wie die USA im Jahr 2002 nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist der italienische Staat, der angesichts der Amerika-freundlichen Haltung der Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi seit längerem als Zielobjekt islamischer Terroristen gilt, besonders bei den Sicherheitsvorkehrungen gefordert. Rund 9.000 Polizisten sollen eingesetzt werden, zudem stehen 2.500 Soldaten bereit. Der Luftraum und Terrorverdächtige im In- und Ausland werden überwacht. 90 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung, über konkrete Maßnahmen schweigt sich Rom jedoch aus.

(apa/red)