Causa Kampusch von

Der Hass auf das Opfer

Causa Kampusch - Der Hass auf das Opfer © Bild: NEWS

Die Verschwörungstheorien um mehrere Täter in höchsten Kreisen erzählen mehr über die selbst ernannten Aufklärer als über die Tat - und gehen zu Lasten des Opfers.

Eine berechnende Lügnerin, die Verbrecher deckt und Geld aus ihrem Schicksal schlägt, das sie noch dazu selbst eingefädelt habe: So sieht der ungehemmte Online-Stammtisch Natascha Kampusch. Und leider ist es genau diese Haltung, die bei den Politikern und alten Herren durchzuhören ist, die nun – zum wiederholten Male – den Fall neu aufrollen wollen. Die Verve, mit der sich einige Journalisten, Exjuristen und nun auch Politiker der Aufklärung einer vermeintlichen Verschwörung „bis in höchste Kreise“ widmen, erinnert an die 9/11-Verschwörungstheoretiker. Und kaum einer kommt ohne eine implizite Anschuldigung aus, Natascha Kampusch selbst verschweige Entscheidendes. Aber woher kommen die Zweifel und der kaum verhohlene Hass auf das Opfer?

Eine Erklärung liefert die Theorie vom Glauben an die gerechte Welt. Danach haben Menschen das Bedürfnis, dass jeder bekommt, was er verdient – und verdient, was er bekommt. Wird einem Menschen Unrecht getan, bemüht man sich zunächst, Gerechtigkeit herzustellen: Auch Natascha Kampusch wurde in den ersten Wochen nach ihrer Befreiung mit Mitgefühl überschüttet. Ist das Unrecht aber zu groß, wendet sich das Unbehagen gegen die Opfer: Sie müssen selbst etwas getan haben, um es zu verdienen.

Man kennt das Muster vom Umgang mit den Opfern des Nationalsozialismus. Es mag erklären, warum man Kampusch partout die Schuld in die Schuhe schieben will – wenn schon nicht am Verbrechen (selbst das geschieht), so jedenfalls daran, dass vermeintliche weitere Täter nicht gefasst werden.

Man will nicht glauben, dass der Täter ein Typ von nebenan war. Einer von uns.
Doch warum das beharrliche Festhalten an einer Mehrtäter-Theorie – nachdem fünf Staatsanwaltschaften und Evaluierungskommissionen keine Anhaltspunkte dafür finden konnten und Kampusch selbst nie einen zweiten Täter sah? Und alle Hinweise x-mal durchgekaut und widerlegt wurden? Offenbar können die selbst ernannten Aufklärer und Ermittler die plausibelste Variante nicht wahrhaben: dass ein durchschnittlicher, unauffälliger Mann von nebenan jahrelang ein Kind in seinen Keller gesperrt und grausam ausgebeutet hat. Der Täter – einer von uns? Undenkbar. Denn würde man das zu Ende denken, müsste man das Geschlechterverhältnis allgemein infrage stellen.

Der Fall Kampusch als Projektionsfläche
Ein Indiz dafür ist die Verve, mit der Priklopil als lupenreine Bestie dargestellt wird. Jeder Versuch von Natascha Kampusch, den Täter differenzierter zu zeichnen, wird mit Wut quittiert – oder mit der schnellen Diagnose „Stockholmsyndrom“, die dem Opfer die Urteilskraft abspricht.

Doch Priklopil entspricht dem Klischee nicht, er genügt nicht als Projektionsfläche. Es gibt daher ein tiefes Bedürfnis, die Täter noch böser zu machen: Zumindest ein Pornoring – oder noch lieber eine Verschwörung bis in höchste Kreise von Politik, Polizei und Justiz – muss dahinterstehen. So kann man das Böse von sich wegschieben, auf den Fall Kampusch projizieren – und dabei im eigenen, inneren Keller wegsperren, um sich nicht weiter damit beschäftigen zu müssen.

Gewalt gegen Frauen und Kinder ist ein trauriger, banaler Teil unserer Gesellschaft – weggesperrt hinter den Fassaden biederer Einfamilienhäuser. Geschlagenen Frauen glaubt man nicht oder gibt ihnen selbst die Schuld – das ist nicht nur im Fall Kampusch so.

Doch dieser Fall ist so furchtbar, dass er die perfekte Projektionsfläche bietet: eine Gelegenheit, die allgegenwärtige Gewalt auf einen toten Täter und eine vermeintliche Verschwörung auszulagern, um sich nicht näher mit den Verhältnissen vor der Haustür beschäftigen zu müssen. Nicht umsonst sind es nicht die Aufgeklärteren, die sich dem Fall mit so viel Eifer widmen – sondern durchwegs Patriarchen der guten alten Schule.

Natascha Kampusch hat Ruhe verdient
Betroffen ist, wieder, Natascha Kampusch selbst, die immer noch täglich mit dem Verbrechen konfrontiert – und dafür auch noch angefeindet wird. Es ist wichtig, die Ermittlungsfehler aufzuklären. Es ist auch berechtigt, im Umfeld von Wolfgang Priklopil nach Kinderporno- Ringen oder Mitwissern zu fahnden. Doch es muss Schluss sein damit, das Opfer selbst in Zweifel zu ziehen. Natascha Kampusch hat Gefangenschaft und brutale Gewalt überlebt. Sie hat sich selbst befreit und sich mit der Geschichte intensiv und wiederholt auseinandergesetzt – vor den Behörden und vor der Öffentlichkeit. Wer sie jetzt noch mit längst widerlegten Anschuldigungen anfeindet, macht sie erneut zum Opfer – und sich selbst zum Mittäter.

Corinna Milborn, stv. Chefredakteurin von NEWS, ist Co-Autorin von Natascha Kampuschs Autobiografie „3096 Tage“