"Buschjäger", Pflicht-SMS und verkappte Schönheiten: Gar seltsame Doping-Jagd

"Big-Brother-Syndrom": Totale Überwachung

"Big brother is watching you." Der Roman "1984" von George Orwell, eine Horrorvision vom totalen Überwachungsstaat, ist im Spitzensport mehr Realität geworden, als es die breite Öffentlichkeit realisiert hat. So sehr der Kampf gegen Doping auch eine Pflicht der Verbände und Organisationen ist, so sehr wird dem ehrlichen Sportler auch das Leben schwer gemacht. Und das nicht nur durch die "kriminalistischen" Methoden der Fahnder bei den Olympischen Spielen.

Im Langlaufbereich wird zum Beispiel bei den Winterspielen gleich von drei (!) verschiedenen Organisationen getestet, erzählte Markus Gandler, Sportdirektor für Langlauf und Biathlon. "Das IOC macht's mit der WADA, dann das Organisationskomitee TOROC regional und die FIS noch einmal. Da kommt für die Athleten schon was zusammen", so Gandler.

Wahrhaft atemberaubende Geschichten wusste Gandler über seine bisherigen Erlebnisse im Olympiarevier zu erzählen. Die Methoden der Dopingfahnder erinnern eher an einen schlechten Film. "Die hüpfen aus den Büschen raus, schnappen deine Akkreditierung und ziehen dich gleich mit. Das ist bei uns unten auf der Loipe schon mehrmals passiert. Sie haben auch getarnte, junge hübsche Mädchen, die sich als Journalistinnen ausgeben, und verwickeln dich in ein Gespräch."

Gandler hat nicht viel Verständnis für diese Ostblock-Methoden. Schließlich habe man genau bekannt gegeben, wo die Athleten wohnen. "Ich frag' mich, was das wirklich bringt. Sie wissen ganz genau, wo die Leute schlafen und die können eh nicht aus." Und wenn man dann nicht sofort auffindbar ist, ist man schon verdächtig. "Bist du nicht ganz genau da, dann musst du eine Stellungnahme abgeben."

Kritik an Schutzsperren
Kritik äußerte der Sportdirektor auch in Richtung FIS betreffend der so genannten Schutzsperren. Hier geht es um zu hohe Hämoglobinwerte im Blut, die FIS ordnet eine "Pause" an. Dies allein ist aber noch lange kein Hinweis auf Doping, sondern ist - vor allem in Höhenlagen - ein natürlicher Prozess im Blut. Allerdings kann es auch ein Hinweis auf Blutdoping sein - kann.

Eine Schutzsperre ist nicht gleichbedeutend mit Doping. Die Sperre erfolgt auch aus gesundheitlichen Gründen, weil dauerhaft hohe Hämoglobinwerte zu einer Verdickung des Blutes und zu Thrombose führen könnten. Und genau dies müsse auch besser transportiert werden von der FIS, meint "Gandi".

Abgesehen davon seien die Athleten mit Höhentrainingslagern ganz speziell auf die Spiele, die auf 1.600 m Höhe stattfinden, vorbereitet. "Jeder muss sich in der Höhe oder zumindest der mittleren Höhe vorbereiten. Da geht der Blutwert hinauf, das weiß man."

Häufigkeit der Kontrollen nimmt überhand
Und die Häufigkeit der Kontrollen nimmt ebenfalls überhand. Jürgen Pinter sei innerhalb von eineinhalb Tagen dreimal kontrolliert worden, von drei Institutionen, jedes Mal Blut abnehmen. Da geht es aber nicht nur um die Prozedur selbst, sondern auch um die enorme Unruhe, die das mit sich bringt. Allerdings nicht wegen des schlechten Gewissens, sondern wegen des ständigen Gefühls des Überwachtseins.

"So etwas habe ich noch nie erlebt. Es ist keine Frage, es gehört kontrolliert, auch unangemeldet, aber alles mit Maß und Ziel." Ganz gierig sind die Fahnder schon auf Olympiasieger Christian Hoffmann. "Nach ihm fragen sie ja schon jeden Tag. Dabei wissen sie ja ohnehin wo er ist, er muss ja jede Stunde bekannt geben, wo er ist."

"Big-Brother-Syndrom"
Doch dieses "Big-Brother-Syndrom" gibt es nicht nur bei Olympischen Spielen oder Großereignissen. 365 Tage im Jahr muss die WADA oder auch das Anti-Doping-Komitee in Österreich Bescheid wissen, wo sich die Sportler aufhalten. "Wenn der Hoffi heute Vormittag in der Ramsau trainiert und am Nachmittag mit der Freundin nach Salzburg fahrt, dann muss er das bekannt geben", nennt Gandler ein Beispiel. Mit einem SMS an die zwei genannten Institutionen. "Ich erinnere die Sportler auch immer: Bitte vergesst's ned auf das SMS.

Wie das genau abläuft? "Du musst einen Jahresplan abgeben, eine 3-Monatsplanung, eine Monatsplanung und wenn sich innerhalb von der Monatsplanung kurzfristig was ändert, musst du ein SMS schicken." Also jede kurzfristige Geburtstagsfeier, jedes geplante Radtraining, das sich freilich auf Grund äußerer Umstände verschieben kann usw.

Ob das Leben eigentlich unter diesen Umständen noch lebenswert ist? "Das ist die Frage. Aber das sind Profis und sie ärgern sich, aber sie sind auch so fokussiert. Ich habe mich jedenfalls schon ein paar Mal gefragt wie ich damals damit umgegangen wäre. Und der Boti fragt sich das auch. Der würde gerne noch 2007 laufen, aber ich glaub, das könnte ein Grund sein, dass er aufhört." 2006 ist "1984".

(apa)