Sie haben durch Breivik ihre Liebsten verloren. Und schauen dem Killer jetzt in die Augen. Sölvi Hauge wirkt gefasst, als sie den Eingang zum Gericht von Oslo passiert. Immer wieder schweift ihr Blick über die Tausenden Rosen, die links und rechts der Eingangsschleuse angebracht sind. Es ist ein schwerer Weg, den sie Tag für Tag gemeinsam mit ihrer Tochter Barbro geht. Doch sie muss ihn gehen; will ihn gehen; weil sie das ihrem Sohn schuldig ist, wie sie sagt.
Ihr Sohn: Kai. Er wäre am 31. Juli dieses Jahres 34 Jahre alt geworden. Doch er durfte diesen Tag nicht erleben; war einer jener 77 Menschen, die am 22. Juli 2011 bei dem Massaker von Norwegen ermordet wurden. Und nun betreten Sölvi und Barbro Hauge den Saal 250 im ersten Stock des Justizgebäudes, in dem seit dem 16. April der Prozess gegen Anders Behring Breivik stattfindet. Wappnen sich innerlich, dem Mann wieder gegenüberzutreten, der ihren Sohn, ihren geliebten Bruder, auf dem Gewissen hat.
Endlose Trauer.
Sölvi Hauge und ihre Tochter: Sie wissen, nichts wird jemals mehr wie früher sein: Die Trauer wird uns für immer begleiten. Dieses Gefühl als würde man innerlich zerrissen. Manches Mal ist dieser Schmerz kaum zu ertragen, so Kais Mutter. Wenn ich könnte, würde ich mein Leben im Tausch für seines geben
An jenem verhängnisvollen Tag im vergangenen Sommer hätte ihr Sohn eigentlich gar nicht in der Nähe des Regierungsgebäudes sein sollen, in dem die Bombe explodierte; eigentlich hätte er sich zu diesem Zeitpunkt nämlich schon in seinem einige Blocks vom Tatort entfernten Restaurant befinden müssen. Trotzdem, als ich von dem Anschlag erfuhr, schickte ich Kai eine SMS, so Sölvi Hauge. Die Frau bekam keine Antwort. Dennoch war ich zunächst nicht beunruhigt.
Stunden der Hoffnung.
Was die Mutter nicht wusste: Kai war an diesem Tag spät dran gewesen, da er noch Lautsprecherboxen für einen Event, der an diesem Abend in seinem Lokal stattgefunden hätte, abholen musste. Er stieg daher eine Station früher aus dem Bus aus und ging direkt am Regierungsgebäude vorbei, als dort Breiviks Höllengeschoss detonierte. Als Sölvi Hauge eine Stunde danach noch immer keine Rückmeldung von ihrem Sohn bekommen hatte, fing sie an, sich Sorgen zu machen. Sie und ihr geschiedener Mann versuchten in der Folge abwechselnd, Kai zu erreichen. Vergeblich. Gegen 23.30 Uhr dann der Anruf, der traurige Gewissheit brachte: Kai war tot.
Ich habe nur mehr geschrien, erinnert sich Sölvi Hauge. Tagelang konnte sie nicht aufhören zu zittern; konnte das Schreckliche einfach nicht fassen. Bis heute nicht, sagt sie. In dieser schweren Zeit sind sie und ihre Tochter noch enger zusammengerückt: Wir sprechen viel über unsere Empfindungen. Das bewahrt uns davor, verrückt zu werden. Was die beiden tröstet: Wir erhalten sehr viel Unterstützung, bekommen dauernd unzählige Briefe von Fremden. Dieser Zuspruch, er gibt ihnen jetzt die Kraft, Kais Killer ins Gesicht zu blicken: Zu Beginn der Verhandlung hat sich Breivik bei uns entschuldigt. Er sagte, es tue ihm leid, dass Kai sterben musste, denn er sei nur ein Passant gewesen. Doch wir nahmen diese Entschuldigung nicht an. Wie könnten wir
Verheerende Folgen.
Auch Sissel Wilsgard ist im Gerichtssaal anwesend. Es ist für mich eine Art Therapie, eine Art Abschluss. Außerdem bin ich es denen, die nicht mehr ihre Stimme erheben können, schuldig, sagt sie. Die 61-Jährige arbeitete am 22. Juli 2011 in ihrem Büro im 8. Stock des Regierungsgebäudes: Ich sprach gerade mit einer Kollegin, als plötzlich etwas aufblitzte. Danach gab es einen furchtbaren Krach. Ich sah noch, wie links von mir ein riesiger Fensterrahmen auf mich zuflog, dann wurde ich bewusstlos.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf dem Boden, konnte nichts sehen: Ich bekam Panik, dachte, ich sei blind. Doch dann merkte ich, dass Blut über mein Gesicht lief und meine Augen verklebt hatte. Sie versuchte, sich einen Weg durch Schutt und Gerümpel zu bahnen, um zum Stiegenabgang zu gelangen; stolperte aber zunächst in die falsche Richtung. Es dauerte ewig, bis ich endlich die Treppe fand. Gott sei Dank war sie nicht zerstört. Der Weg vom achten Stock nach unten: lang und beschwerlich. Alles so dunkel, so furchtbar still. Ich hatte solche Angst
Sissel Wilsgards Verletzungen waren schwer. Noch heute hat sie Bewegungsprobleme und eine eingeschränkte Sicht. Ich bin nach wie vor im Krankenstand. Ich weiß nicht, wann ich wieder arbeiten kann.
Überlebenskampf auf Utöya.
Ein paar Straßen vom Justizgebäude entfernt sitzt Björn Ihler in einem Café. Der 20-Jährige, der in Liverpool studiert und einmal Regisseur werden will, wirkt für sein Alter sehr reif und erwachsen.
Björn war einer jener Teilnehmer eines sozialdemokratischen Jugendcamps auf der Insel Utöya, die vor Breivik um ihr Leben rannten. An diesem Tag war es im Camp eigentlich sehr ruhig, so der junge Mann. Erst als er und seine Kameraden von dem Bombenanschlag in Oslo erfuhren, strömten sie alle im Haupthaus zusammen, um sich gemeinsam die Fernsehnachrichten anzusehen. Einige von uns versuchten gerade, ihre Eltern telefonisch zu erreichen, als wir plötzlich Schüsse hörten.
Was danach passierte, war ein einziger Alptraum. Alle rannten weg und wollten sich verstecken. Björn lief auf dem Weg, der zum Ufer führte. Dort angekommen, wusste er nicht, in welche Richtung er weitersollte. In Panik rief er seinen Vater an. Während er mit ihm telefonierte, entdeckte er einen kleinen Jungen, der vor Angst zitterte. Björn entschied sich, bei ihm zu bleiben; als er gerade mit ihm Schutz in einem Gebüsch suchte, hörte er immer lautere Schüsse. Und ich sah eine Gruppe von Leuten in unsere Richtung laufen. Unter ihnen war auch ein Freund des Buben, der bei mir war. Gemeinsam mit den zwei Kindern versuchte Björn in der Folge, zum Steg zu gelangen dem scheinbar einzigen Ausweg aus der Falle. Inzwischen war der Schütze aber bereits bis auf zwanzig Meter an die drei herangekommen. Sie sprangen schließlich ins Wasser, schwammen um ihr Leben, denn der Attentäter begann bereits auf sie zu schießen.
Keine Chance für Extremisten.
Ich hielt mich links, und die Jungen folgten mir. Letztlich versteckten wir uns hinter einem Felsvorsprung. Diese Entscheidung sollte ihnen das Leben retten. Denn wären sie nach rechts zum Pumpenhaus geschwommen wie viele andere, hätte Breivik sie erschossen. Um seine schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten, sprach Björn mit einem Therapeuten; redete viel mit seinem Anwalt und seiner Familie. Schrieb sich seinen Kummer in einem Internetforum und in Zeitungskolumnen von der Seele.
Heute hat Breivik keine Macht mehr über den Studenten; Björn will das Fürchterliche, das bei der Tragödie geschah, in etwas Gutes umwandeln. Möchte Filme machen, die das politische Interesse der Jugend wecken, damit Extremisten in Zukunft keine Chance mehr haben.
Glück im Unglück.
Svein Holmas hofft ebenfalls, dass solch ein Anschlag nie mehr passieren kann. Der 31-Jährige, der für das Handelsministerium tätig ist, telefonierte gerade mit seiner Frau, als in Oslo Breiviks Bombe explodierte: Wir besprachen, dass wir uns in der Pause treffen wollten, denn Inga arbeitete gegenüber im Gesundheitsministerium. Doch dann gab es diesen gewaltigen Knall, und das gesamte Haus begann zu wackeln, so Svein Holmas. Ich wusste nicht, was passiert war, rief nach Inga, aber die Leitung war tot. Er rannte nach draußen, sah das Ausmaß der Katastrophe: Überall lagen Tote und Ver¬letzte. Es war furchtbar! Der studierte Wirtschaftsexperte suchte daraufhin panisch nach seiner Frau.
Blanke Todesangst.
Währendessen versuchte Inga ihrerseits in Angst um Svein einen Weg aus dem Gebäude zu finden. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich barfuß war und nicht rauskonnte, da die Tür verriegelt war. Deshalb sprang ich aus einem Fenster. Der Aufprall war hart: Ich blieb minutenlang am Boden liegen, konnte mich nicht bewegen, spürte aber keine Schmerzen. Erst später bemerkte ich, dass mein ganzer Körper blutüberströmt war. Und dann kam die Verzweiflung, die Todesangst, um Svein, sich selbst und das Kind, das sie in ihrem Bauch trug: Ich fürchtete mich so davor, es zu verlieren.
Trotzdem schaffte es die Frau irgendwann, ein Telefon zu erreichen und ihren Mann anzurufen, der sein Handy bei sich trug, die ersten Worte nach dem Drama. Der Mann kam zu ihr, nahm sie in die Arme, trug sie auf die Straße, hielt einen Wagen an. Später, im Krankenhaus, die gute Nachricht: Dem ungeborenen Baby war nichts passiert, und auch Ingas Verletzungen waren nicht schwer. Das Ehepaar hatte Glück gehabt: Mehr als viele andere.
Nun, im Prozess, blicken sie dem Mann, der für den Tod von 77 Menschen verantwortlich ist, in die Augen. Unser kleiner Sohn, der mittlerweile vier Monate alt ist, gibt uns die Kraft dazu.