Bachelet gewinnt Präsidentschaftswahl in Chile: Sozialistin erhält in Stichwahl 53,5%

54-Jährige 1. Präsidentin in südamerikanichem Land Triumph gegen Pinera: "Das ist Sieg aller Chilenen"

Bachelet gewinnt Präsidentschaftswahl in Chile: Sozialistin erhält in Stichwahl 53,5%

Chile bekommt erstmals in seiner Geschichte ein weibliches Staatsoberhaupt: Die Sozialistin Michelle Bachelet gewann die Stichwahl um das Präsidentenamt. Ihr Gegenkandidat, der konservative Geschäftsmann Sebastian Pinera, räumte seine Niederlage ein. Bachelet kündigte in ihrer Siegesrede eine Fortsetzung der marktorientierten Politik der Mitte-Links-Regierung an, die Chiles Wirtschaft zu einer der stärksten der Region gemacht habe.

"Wir werden auf derselben Straße weitergehen", sagte die 54-Jährige. Zugleich versprach sie, in ihrer Amtszeit bis 2010 das soziale Sicherungssystem Chiles zu festigen und in Bildung, Gesundheit und Pensionen zu investieren. "Wer hätte vor zehn, 15 Jahren gedacht, dass eine Frau zur Präsidentin gewählt wird?", sagte Bachelet. Im Anschluss an ihre Ansprache feierten im ganzen Land tausende ihrer Anhänger das Wahlergebnis.

Die ehemalige Kinderärztin und allein erziehende Mutter dreier Kinder kam nach Auszählung fast aller Stimmen auf 53,4 Prozent, Pinera auf 46,5. Die Regierungskandidatin ist die Tochter eines Generals, der sich gegen den Putsch Augusto Pinochets im Jahr 1973 stellte und gefoltert wurde. Er starb in Haft an einem Herzanfall, der nach Bachelets Worten auf die Folter zurückzuführen war. Michelle Bachelet wurde nach dem Putsch gemeinsam mit ihrer Mutter vorübergehend inhaftiert. Später lebte sie fünf Jahre lang im Exil, zunächst in Australien und dann in der damaligen DDR.

Vor ihren Anhängern rief Bachelet zur Toleranz und Versöhnung in Chile auf. "Gewalt hat in meinem Leben alles zerstört, was ich liebte, weil ich Opfer von Hass war. Ich widme mein Leben deswegen der Umwandlung von Hass in Verständigung und Toleranz und - warum sollte ich das nicht sagen - in Liebe", erklärte sie.

Der scheidende populäre Amtsinhaber Ricardo Lagos, der aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht erneut antreten durfte, gratulierte seiner Nachfolgerin und sprach von einem historischen Wahlsieg. "Wir haben jetzt ein neues Chile", sagte der Sozialist. Lagos hatte Bachelet im Jahr 2000 zur Gesundheitsministerin ernannt und zwei Jahre später zur Verteidigungsministerin. Es wird erwartet, dass Bachelet die Politik ihres politischen Ziehvaters fortsetzen wird.

Der französische Präsident Jacques Chirac und der spanische Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero gratulierten Bachelet zu ihrem Sieg. Chirac lobte Chile als "Beispiel für Weisheit und Fortschritt" für die Welt, teilte der Pariser Elysee-Palast mit. Der Sozialist Zapatero zeigte sich in einem Telefonat erfreut, dass mit Bachelet erstmals eine linksgerichtete Politikerin in Lateinamerika zur Präsidentin gewählt wurde. Der venezolanische Präsident Hugo Chavez äußerte Bewunderung für Bachelet, die er als Heldin und enge Freundin bezeichnete. Die außenpolitische Sprecherin der österreichischen Grünen, Ulrike Lunacek, bezeichnete die Wahl von Bachelet in einer Aussendung als "wichtigen Schritt zur endgültigen Absage an die Pinochet-Diktatur".

Mit dem Wahlsieg Bachelets bleibt das höchste Amt des Staates zum vierten Mal in Folge in der Hand der Mitte-Links-Koalition, die Chile seit dem Ende der Militärherrschaft von General Pinochet 1990 regiert und zu einem der wirtschaftlich und politisch stabilsten Länder Lateinamerikas gemacht hat. Zudem festigt der Sieg die Reihe der Länder Lateinamerikas unter linken Regierungen. Neben Chile, Argentinien, Brasilien, Uruguay und Venezuela wird auch demnächst Bolivien von einem Sozialisten angeführt. Ferner gilt bei den mexikanischen Präsidentenwahlen im Juli ein Linker als Favorit.

Bachelet ist nach Violeta Chamorro (Nicaragua), Mireya Moscoso (Panama) und Janet Jagan (Guyana) erst die vierte Frau, die in einem latein- bzw. südamerikanischen Land direkt ins Präsidentenamt gewählt wurde. In Bolivien war Lidia Gueiler Tejada 1979-80 neun Monate lang Staatspräsidentin. Isabel Peron übernahm im Jahr 1974 nach dem Tod ihres Mannes Juan Peron für zwei Jahre das Amt des argentinischen Präsidenten, bevor sie vom Militär gestürzt wurde.
(apa/red)