Gefahr aus dem All von

Wie schützen wir die Erde
vor einem Mega-Asteroiden?

Zwei Astronauten sprachen in Wien über Möglichkeiten der "planetaren Verteidigung"

Ein Asteroid fliegt auf die Erde zu. © Bild: Corbis

Eine Million "city killers", also Asteroiden mit einem Durchmesser von über 40 Metern, soll es in Erdnähe geben. Diese könnten bei einem Einschlag an der falschen Stelle eine ganze Großstadt auslöschen. Doch auf die Abwehr eines solchen Szenarios ist die Welt immer noch nicht vorbereitet, was vor allem auch politische Gründe hat. Zwei Astronauten warben am Mittwoch in Wien um mehr Aufmerksamkeit für das Thema.

Der 15. Februar 2013 war vielleicht so etwas wie eine Warnung. Damals explodierte über der russischen Stadt Tscheljabinsk ein kleiner Asteroid bei seinem Eintritt in die Erdatmosphäre. Die Druckwelle der Explosion verletzte rund 1.500 Menschen, vor allem durch splitterndes Glas. Etwa 3.700 Gebäude wurden beschädigt. Es war der größte in die Atmosphäre eingetretene Asteroid seit über hundert Jahren. Doch es hätte noch sehr viel schlimmer kommen können. Denn der Asteroid von Tscheljabinsk hatte einen Durchmesser von etwa 20 Metern. Aber auch Objekte mit einigen hundert Metern Durchmesser kreuzen regelmäßig die Umlaufbahn der Erde.

Staaten müssen zusammenarbeiten

Schlage ein solcher Asteroid auf der Erde ein, würde er den Großteil eines Landes "auslöschen", warnt Russell Schweickart. Der US-Astronaut war 1969 als Teil der "Apollo 9"-Mission im All und half so, die erste Mondlandung vorzubereiten. Zusammen mit dem bulgarischen Raumfahrer Dumitru Prunariu (1981 mit "Sojus 40" im Weltraum) sprach er am Mittwoch im Naturhistorischen Museum in Wien über die Gefahr durch Asteroiden. Seit langem engagieren sich die beiden in diesem Bereich und kämpfen um mehr Aufmerksamkeit für die Problematik. Denn, so Schweickart: Den Einschlag eines großen Asteroiden zu verhindern sei möglich, aber eine große Aufgabe, für die es internationale Kooperation brauche.

© Michael Unger Russell Schweickart und Dumitru Prunariu in Wien

Asteroiden findet man in unserem Sonnensystem vor allem im Hauptasteroidengürtel zwischen den Umlaufbahnen der Planeten Mars und Jupiter. Doch manche kommen der Sonne auch näher und kreuzen dann die Umlaufbahn der Erde, sogenannte "erdnahe Objekte". Das passiert genau einmal im jeweiligen "Asteroidenjahr", das länger oder kürzer als das Erdjahr sein kann. Manche Asteroiden werden die Erdumlaufbahn also zweimal im Jahr queren, andere nur alle drei Jahre. Natürlich ist die Chance, dass sich die Erde genau dann an dieser Stelle ihrer Bahn befindet, nur sehr klein. Und vor den meisten kleineren Asteroiden schützt uns die Erdatmosphäre. Der Tscheljabinsk-Asteroid etwa brach in rund 30 Kilometern Höhe aufgrund des plötzlichen Luftwiderstands der Atmosphäre auseinander.

1908 traf ein "city killer" Sibirien

Hätten wir keine Atmosphäre, würde die Erdoberfläche ähnlich durchlöchert wie der Mond aussehen, erklärt Schweickart. Größere Asteroiden könne sie aber auch nicht aufhalten. "Definitiv Sorgen machen müssen wir uns ab etwa 40 Metern Durchmesser", meint der Astronaut. Ein Asteroid dieser Größe traf die Erde zuletzt 1908 und löste vermutlich das sogenannte Tunguska-Ereignis aus, bei dem in Sibirien rund 2.000 Quadratkilometer Wald zerstört wurden. Diese Objekte, also ab 40 Metern, nannte der US-Kongress in einem Bericht "city killer". Sie können eine ganze Stadt dem Erdboden gleichmachen. Wäre der Asteroid von 1908 über London explodiert, wären mit Sicherheit Millionen Menschen gestorben.

Laut Schweickart dürfte es rund eine Million dieser "city killers" geben, bekannt ist uns aber nur weniger als ein Prozent davon. Ein solches Objekt trifft die Erde statistisch gesehen alle 100 bis 200 Jahre. Da Städte aber nur 0,2 Prozent der Erdoberfläche ausmachen, sollte bloß alle 50.000 bis 100.000 Jahre auch wirklich eines über einer Stadt explodieren. Hat die Menschheit "Pech", könnte es aber auch schon der nächste sein. Und dieser könnte auch nicht erst in hundert Jahren da sein, sondern in nächstes Jahr. Seriös vorhersagen lässt sich das nicht. Im Rahmen der "planetaren Verteidigung" brauche es deshalb zunächst einmal ein Frühwarnsystem samt Überwachung des erdnahen Weltraums, sind sich Schweickart und Prunariu einig. Da Asteroiden meist schwarz und daher auch mit großen Teleskopen kaum erkennbar sind, hätten Weltraumteleskope, die mit Infrarot-Strahlung arbeiten, die besten Chancen.

Anstoß, Bombe oder ein "Traktor"?

Wie aber verhindert man einen katastrophalen Einschlag, sollte wirklich ein großer Asteroid entdeckt werden, der auf die Erde zusteuert? Russell Schweickart nennt drei Möglichkeiten: Die derzeit auch von der NASA favorisierte Variante sei ein "kinetischer Anstoß" (kinetic impact). Dabei wird ein Objekt mit großer Masse, etwa eine Raumfähre, bewusst auf Kollisionskurs mit dem Asteroiden geschickt. Die Wucht dieses Einschlags soll seine Bahn so verändern, dass er die Erde verfehlt. Eine andere vieldiskutierte Idee sei der Einsatz einer Atombombe. Diese dürfe den Asteroiden aber nicht wie in diversen Filmen "sprengen", sondern soll ihn ebenfalls nur von seinem Kurs abbringen. Und dann gäbe es noch die Möglichkeit eines "Schwerkraft-Traktors" (gravity tractor). Das wäre eine Raumfähre, die um den Asteroiden kreist, und ihn so durch die gegenseitige Anziehung langsam ablenkt. Dafür muss der gefährliche Asteroid aber viele Jahre im Voraus bekannt sein.

Dass keine dieser Varianten bisher auch nur ansatzweise realisiert wurde, liegt laut den beiden Raumfahrern vor allem an der Politik. Die politischen Herausforderungen auf dem Weg zur planetaren Verteidigung seien nämlich viel größer als die technischen, so Schweickart. Es brauche eine internationale Institution, die im Krisenfall schnell und verbindlich über den Einsatz von Abwehrmechanismen entscheiden kann. Und auch dann bleibe jede Entscheidung über die Ablenkung eines Asteroiden sehr heikel. Zum einen aus finanzieller Sicht. Denn dass ein Objekt die Erde trifft, könne nie sicher, sondern immer nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. "Ab wann investieren wir 50 Milliarden Dollar? Schon bei 1:100? Oder erst bei 1:10? Und wer darf das dann bezahlen?", fragt der Astronaut.

Ablenkung ist politisch äußerst heikel

Ein zweiter Punkt mache die Sache geopolitisch aber noch gefährlicher. Wird ein Asteroid in seiner Bahn abgelenkt, um die Erde zu verfehlen, erhöhe das zugleich für manche Teile der Welt die Wahrscheinlichkeit, dass er dort einschlägt. "Kommt ein Asteroid, der den Berechnungen nach auf die USA zusteuert, nach einem Eingriff um acht Sekunden später an, verfehlt er den Planeten wohl. Läuft die Mission aber nicht nach Plan und er kommt nur um vier Sekunden später an, trifft er stattdessen Europa", gibt Schweickart ein Beispiel. Die politischen Auseinandersetzungen um eine solche Mission wären vorprogrammiert. Die beiden Vortragenden appellierten am Schluss an die Zuhörer als Bürger und Wähler: "Machen Sie Druck auf Ihre Politiker, dieses Thema endlich anzugehen!".

Kommentare