Anna Netrebko von

"Ich habe oft Angst"

Die Opern-Diva über Salzburg, den Weltuntergang und die "Netrebko-Show"

Anna Netrebko - "Ich habe oft Angst" © Bild: APA

NEWS traf die Opern-Diva Anna Netrebko zum Interview und befragte sie zu dem neuen "Traumpaar" Netrebko/Beczala, ihre Krankheit in den letzten Monaten sowie den Weltuntergang.

NEWS: Was sagen Sie denn zu Ihrem zweiten Platz in der Liste der wichtigsten Österreicher? Das haben für uns keine Adabeis, sondern führende Intellektuelle ermittelt.
Anna Netrebko: Wow, was für eine Ehre! Vielen Dank! Ich werde weiterhin mein Bestes für dieses wunderbare Land geben.

NEWS: Sie singen die Mimi in „La Bohème“ seit drei Jahren. Hat die eigene Lebenserfahrung, die Familie, Ihren Blick auf diese arme, todgeweihte Näherin verändert?
Netrebko: Mein Gott, klingt das romantisch! Man muss Mimi als Menschen sehen. Vielleicht werde ich meine musikalische Interpretation verändern, aber das hängt vom Dirigenten und vom Regisseur ab. Aber ich würde nie mein Privatleben in eine Figur einbringen. Wenn man einmal seine persönlichen Gefühle mit jenen der Figur zu vermischen beginnt, hört man auf zu singen. Mein Privatleben ist etwas komplett anderes. Aber wenn ich das Publikum bewegen kann, dann weiß ich, dass etwas Besonderes passiert.

NEWS: Befürchten Sie, dass man das neue „Traumpaar“ Netrebko/Beczala austrommelt?
Netrebko: „Traumpaar“, das ist doch sehr altmodisch! Piotr ist ein fantastischer Partner, einer meiner Lieblingspartner. Er ist einer der besten Tenöre unserer Zeit, unsere Stimmen passen wunderbar zusammen. Wir planen auch einige Projekte in Zukunft. Und er ist sehr nett. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Frau und zu ihm. Wir wohnen im selben Gebäude in New York. Manchmal teilen wir sogar unser Essen.

NEWS: Sie haben in den vergangenen Monaten mehrere Vorstellungen abgesagt. Was ist denn da passiert?
Netrebko: Das ist ganz einfach: Im Dezember erkrankte ich an einer schlimmen Bronchitis. Davon habe ich mich nie richtig erholt. Im Mai hatte ich diese Bronchitis zweimal. Das kommt von Zeit zu Zeit vor. Das ist wirklich kein Spaß.

NEWS: Besonders, wenn die Karriere von der Gesundheit abhängt. Wie hält man das aus? Ist das Leben in der Opernwelt nicht auch so schon verrückt genug?
Netrebko: Aber die ganze Welt scheint doch im Moment verrückt zu spielen. Es gibt so viele Katastrophen. Das ist die Hölle. Wir sprechen nicht vom Weltuntergang, aber es sieht ganz danach aus. Ich sage Ihnen, ich habe wirklich Angst. Wenn ich mir mit Erwin im Internet die Situation ansehe, dann schaut es für unseren Planeten nicht gut aus. Aber vielleicht sind das alles Signale, dass wir endlich verstehen sollen, was wir alles falsch machen und was wir verändern sollen.

NEWS: Ihre Heimatstadt Krasnodar wurde von einer Flutwelle heimgesucht. Ist jemand aus Ihrer Familie betroffen ?
Netrebko: Niemand, den ich kenne. Aber ich weiß, dass viele Leute ihr Zuhause verloren haben und leiden. Die Einnahmen meines Konzerts am 20. Juli in St. Petersburg werden den Opfern in Krasnodar gespendet.

NEWS: In Salzburg hat 2002 Ihre Weltkarriere begonnen. Wie fühlt es sich an, hier zu singen?
Netrebko: Ich bin sehr glücklich, wieder hier zu sein. Einerseits ist Salzburg eine sehr kleine Stadt, aber andererseits ist sie riesig. Ich habe wunderbare Erinnerungen hier.

NEWS: In Salzburg ist man seit Ihrem Debüt anno 2002 versessen auf die „Netrebko- Show“. Bedeutet das besonderen Druck auf Sie?
Netrebko: Es ist eine Riesenverantwortung, hier aufzutreten. Die Leute erwarten hier besonders viel, und es wurde so viel Geld für diese Produktion ausgegeben. Dazu kommt auch noch, dass es die erste „Bohème“ in der Geschichte der Salzburger Festspiele ist. Ich fühle mich sehr geehrt, die erste Mimì hier zu sein. Und ich werde mein Bestes dafür geben.

NEWS: Sind Sie nervös?
Netrebko: Noch nicht. Jetzt bin ich total auf meine Arbeit, auf die Proben konzentriert. Und die nehme ich sehr ernst.