20-jährige Haft zur Gänze abgesessen:
Papst-Attentäter in Istanbul freigelassen

Hunderte Nationalisten feierten ihn vor Gefängnis Ali Agca verletzte 1981 Johannes Paul II. schwer

Nach 25 Jahren Haft ist der Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca am Donnerstag auf Bewährung freigelassen worden. Hunderte türkische Nationalisten feierten den 48-Jährigen, der im Mai 1981 auf dem Petersplatz in Rom Papst Johannes Paul II. angeschossen und schwer verletzt hatte. Dutzende Polizisten schirmten Agca ab, als er in einem weißen Wagen das Hochsicherheitsgefängnis Kartal bei Istanbul verließ. Der zunächst noch mit Handschellen gefesselte Papst-Attentäter musste sich in einem militärischen Rekrutierungszentrum melden.

Zunächst blieb unklar, ob der Wehrdienstverweigerer, der 1979 aus einem Militärgefängnis entkommen war, gemustert werden sollte. Dann fuhr er von der Polizei eskortiert in einem schwarzen Mercedes zu einer Routineuntersuchung in ein Krankenhaus.

Agca, der den Papst am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz in Rom mit mehreren Schüssen schwer verletzt hatte, war im Juni 2000 vom italienischen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi begnadigt worden. Johannes Paul II. hatte Agca schon vorher verziehen und ihn auch im Gefängnis besucht. Die Hintergründe der Tat wurden nie geklärt. Immer wieder gab es Berichte, östliche Geheimdienste wie etwa der sowjetische KGB seien mit im Spiel gewesen. Nach fast 20 Jahren Haft wurde Agca in die Türkei ausgeliefert, wo er seitdem eine Strafe wegen Mordes an einem türkischen Journalisten und zweier Raubüberfälle verbüßte. Nach seiner Haftentlassung in Italien wurde die Todesstrafe in der Türkei unter Berücksichtigung eines Amnestiegesetzes in eine zehnjährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Dank anderer Strafnachlässe kam er mit einer Haftstrafe von sieben Jahren und zwei Monaten davon, von denen er etwas mehr als fünf Jahre absitzen musste.

Die Freilassung Agcas ist in der Türkei nicht unumstritten. Ein Einspruch der Familie des ermordeten Journalisten gegen die Freilassung war vom Gericht zurückgewiesen worden. Der Anwalt der Familie kündigte an, notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu gehen. Nach seiner Einschätzung hätte Agca nicht von zwei Amnestien gleichzeitig profitieren dürfen und hätte mindestens zehn Jahre absitzen müssen.

Agca habe nicht nur ihren Vater umgebracht, schrieb die Tochter des Journalisten Abdi Ipekci, Nukhet, in der Zeitung "Milliyet". Er habe auch dafür gesorgt, dass die Wörter "türkisch" und "Mörder" zusammengehörten. Ein Anwalt der Familie, Turgut Kazan, kündigte an, die Freilassung vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg anzufechten. Die Zeitung titelte: "Tag der Schande". Der Student Deniz Ergin sagte: "Ein Mörder wie er, der das Ansehen der Türkei beschmutzt hat, sollte nicht freigelassen werden."

Agcas Bruder Adnan dagegen sagte: "Wir sind glücklich. Wir danken dem türkischen Staat unendlich." Agcas Unterstützer warfen rote und gelbe Blumen auf den Wagen, mit dem der Papst-Attentäter aus dem Gefängnis gebracht wurde. Der heute 48-Jährige beteiligte sich in den 70er Jahren auf Seiten rechtsgerichteter Aktivisten an Straßenkämpfen gegen linke Demonstranten.

Ein Psychiater begutachtete Agca nach dem Papst-Attentat und erklärte ihn für verhandlungsfähig. Sein Anwalt sagte am Mittwoch, Agca sei gesund und wolle sich für Frieden und Demokratie einsetzen.

(apa/red)